Theorie der Beziehungsdynamik in der Familie von Helm Stierlin

Familie ist ein allgemeines Phänomen. Jeder Mensch gehört in irgendeiner Weise mindestens zu einer Familie. Diese Zugehörigkeit kommt mittelbar oder unmittelbar in allen Äußerungen zum Ausdruck – als einer der wichtigsten Bestandteile der Individualität der Person.

Helm Stierlin hat mehr als ein halbes Jahrhundert die Familie in allen relevanten Fragestellungen erforscht und in seinen Werken (mehr als 300 wissenschaftliche Publikationen und 25 Bücher) dargelegt.

Die Systemkräfte der Familie

Stierlin unterscheidet im Zusammenleben der Familienmitglieder fünf Systemkräfte:

  1. die bezogene Individuation
  2. die Interaktionsweisen von Bindung und Ausstoßung
  3. die Delegation
  4. die Mehrgenerationenperspektive
  5. die Gegenseitigkeit.

Diese Systemkräfte oder Hauptgesichtspunkte vergleicht Stierlin mit Grundeinstellungen des erkennenden Teleskops. Die familiäre, zwischenmenschliche Realität wird bei ihm von diesen fünf verschiedenen Positionen aus geforscht. Jede Perspektive lässt die negativen und destruktiven wie auch die positiven, konstruktiven und heilenden Kräfte im Familienleben erkennen.

Die bezogene Individuation

Die bezogene Individuation schließt Selbstdifferenzierung und Selbstabgrenzung ein. Die Selbstdifferenzierung bezieht sich auf die Differenzierung der Innenwelt in bewusste und unbewusste Sphären, auf die klar artikulierten Gefühle, Bedürfnisse, Erwartungen und auf die inneren und äußeren Wahrnehmungen. Eine differenzierte Innenwelt grenzt sich von der Außenwelt und von den Erwartungen bzw. Ansprüchen der anderen ab.

Die bezogene Individuation erlaubt dem Einzelnen sich als getrennt und zugleich als in der Beziehung, als bezogen zu erleben. Sie ist immer dann besonders wichtig, wenn eine menschliche Beziehung vor allem durch emotionale Nähe und Empathie charakterisiert ist. Die bezogene Individuation ist sowohl Voraussetzung, als auch Ausdruck einer gelungenen Trennung von den Eltern und einer Versöhnung mit den Eltern im Jugendalter. Wobei bei diesem Prozess stets die Gefahr der Überindividuation oder der Unterindividuation besteht.

Bei der Überindividuation ist die Abgrenzung gegen die anderen zu starr. Die Unabhängigkeit des Einzelnen wird zur Getrenntheit und damit entsteht eine Kommunikationsfeindlichkeit, die den Austausch mit anderen verhindert.

Im Prozess der Unterindividuation verbinden die symbiotischen Verhältnisse innerhalb einer Familie die Angehörigen eng miteinander. Jede neue Entwicklungsphase der Individuation setzt neue Kommunikations- und Versöhnungsleistungen voraus.

„Zu bestimmten Zeiten und auf bestimmte Weise müssen sich die sonst festen und schützenden Grenzen öffnen und Getrenntheit sich mit Gemeinsamkeit, Individualität mit Solidarität, Autonomie mit Interdependenz versöhnen“ (Stierlin: Das erste Familiengespräch  1980, S. 23).

Die Abgrenzung von … und Bezogenheit zu … zeigen sich in der Bereitschaft der Partner zum Dialog, das heißt  Gefühle, Erwartungen und Konflikte zu definieren und Bestätigung und Anerkennung auszusprechen. Kommunikationsstörungen haben vor allem die Funktion, die Konflikte zu verleugnen oder sie in der Schwebe zu lassen.

In der Dynamik der bezogenen Individuation unterscheidet Stierlin zwei Arten der Individuation. Diese lassen sich eindeutig an der Sprachentwicklung des Kindes erkennen:  Das kleine Kind erlernt seine Muttersprache durch seine Individuation mit der Mutter. Die erworbene Muttersprache ermöglicht dem Kind, eigene Bedürfnisse und Wünsche zu artikulieren. Die Muttersprache ist ein Mittel der Individuation gegen die Mutter.

Diese Individuationsarten lassen sich in der Biografie des Einzelnen immer wieder auf einem höheren Niveau versöhnen. Diese Versöhnung unterstützt die seelisch-geistige Entfaltung und das Wohlbefinden der Beziehungs-, meint Dialogpartner.

Die Interaktionsweisen von Bindung und Ausstoßung

Stierlin stellt die Positionen der Bindung und Ausstoßung in dem seiner Mutter gewidmeten Werk „Eltern und Kinder“ (1980) dar, dessen Unterschrift lautet: „Das Drama von Trennung und Versöhnung im Jugendalter“.

Der dramatische Prozess der Ablösung von den Eltern trägt in sich solche dialektischen Elemente wie Tod und Wiedergeburt, Verlust und Wiedervereinigung, Verzweiflung und Freude, Entzweiung und Versöhnung. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 21-24) nennt Stierlin in der Einleitung als Leitthema des Buches.

Die Erforschung des Phänomens des verlorenen Sohnes, des Ausreißers, begann er in den USA.  Im Verlauf einer sechsjährigen Studie von 1972-1978 waren 40 Familien mit Problemkindern Gegenstand seiner Forschung.  In dieses Forschungsprogramm wurden 14 bis 16 Jahre alte, leistungsschwache Jugendliche aufgenommen. Es wurde festgestellt, dass der Ablösungsprozess nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Geschwister und ihre Eltern betraf.

Als wesentliche Elemente des Bereiches der Ablösung zeigten sich nach Stierlin:

  1. Der Ablösungsprozess wird durch das Zusammenspiel und die relative Dominanz der zentripetalen oder zentrifugalen Kräfte gestaltet. Die zentripetale Kraft bedeutet Verstrickung, Bindung, Verwöhnung. In der familiären Konstellation üben die Eltern eine ungewöhnliche Anziehung auf den Jugendlichen aus. Die zentrifugale Kraft löst Ausstoßung, Vernachlässigung und Isolation aus. Sie beschleunigt das Verlassen der Familie.
  2. In allen Phasen des Ablösungsvorgangs zwischen den Generationen haben die Beziehungs- oder Interaktionsweisen wie Bindung und Ausstoßung eine zentrale Bedeutung. Diese Grundmuster im Umgang zwischen Eltern und Kind sind sowohl transitiv, als auch reziprok. Transitiv heißt, dass die Eltern ihre stärkere Realität ihren Kindern aufprägen. Reziprok bedeutet, dass ein Austausch nach beiden Seiten erfolgt – die Eltern werden auch von ihren Kindern geformt. Wird das Zusammenspiel der Kräfte nicht im Gleichgewicht gehalten, entstehen verschiedene Arten der Dominanz. Ist das Familienleben durch zentripetale Kräfte bestimmt, erscheint die Welt außerhalb als feindlich. Die Eltern binden ihre Kinder an sich und verhindern dadurch deren Selbstständigkeit.

Nach Stierlin zeigen gerade die erfolgslosen Ausreißer, was dieser Bindungsmodus bedeutet: „Die Jugendlichen, die nicht von zu Hause wegliefen, und die erfolglosen Ausreißer zeigten ein gemeinsames Merkmal – sie hielten sich von Gleichaltrigen fern“ (Stierlin: Eltern und Kinder 1980, S. 50).

Hinter der Scheu vor Gleichaltrigen verbirgt sich eine Bindungsdynamik, deren Äußerungen Stierlin den drei Ebenen Affektivebene, Kognitivebene und der Loyalitätsbereitschaft des Kindes zuordnet. Die Gemeinsamkeit dieser drei Ebenen ist, dass die Eltern solche Beziehungsformen vorleben, die dem Alter der Kinder nicht angemessen sind.

In der affektiven Bindung merkt die Mutter nicht, was das Kind von sich aus braucht. „Je mehr die bindende Mutter ihr Kind verwöhnt, […] umso unersättlicher und monströser wird das Kind“ (ebd., S. 53). Es wird später keinen Gleichaltrigen oder anderen Erwachsenen finden, der sein „exzessives Verlangen nach regressiver Verwöhnung akzeptiert“ (ebd., S. 53). Im Jugendalter greifen einige nach Drogen, um einen Ausweg aus diesem Entwicklungsdrama zu finden.

Die Bindungsstörung auf der kognitiven Ebene verhindert die Entstehung einer differenzierten Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung des Kindes. Die Bindungsstrategie der Eltern schränkt die Möglichkeit des Kindes ein, mit den Konflikten seines Ablösungsprozesses fertig zu werden. Wenn die Mutter ihre Bedürfnisse, Empfindungen und Intentionen auf ihr Kind überträgt, oder wenn sie als liebevoll und die Welt als feindlich von ihrem Kind erlebt werden soll, wird das Ich des Kindes deformiert. Ein Aspekt dieser Beziehungsdeformation ist die fehl-laufende, mystifizierende Kommunikation. Diese Art der Kommunikation verhindert das Entstehen eines gemeinsamen Aufmerksamkeitspunkts der Dialogpartner. Die Mitteilungen, die keine Orientierung und kein Vertrauen ausdrücken, werden unglaubwürdig.

Die dritte Ebene ist die Bindung durch Ausnutzen der Loyalitätsbereitschaft. In diesem Beziehungsdrama vermitteln die Eltern, dass sie nur für und nur durch ihre Kinder gelebt hätten. Sie sind die Quelle ihrer Lebenskraft. „Aus diesem Grund wird es für den Jugendlichen zum größten Verbrechen, seine Eltern in Gedanken oder tatsächlich zu verlassen“ (ebd., S. 63).  Bei den Jugendlichen tritt zumeist unbewusst die Ausbruchsschuld auf und prägt die Loyalitätsbindung in jedem Ablösungskonflikt. Dieses Schuldgefühl lässt sich beim Einzelgänger mit Selbstzerstörungstendenzen und mit schizoider Problematik erkennen.

Die Bindungslosigkeit

Stierlin betrachtet die Bindungslosigkeit als Ausstoßungsmodus. Die Bindungslosigkeit unterscheidet er von der Verwahrlosung, die der asozialen Erscheinungsebene zugeordnet wird. Die Bindungslosigkeit ist die Unfähigkeit zu Objektbeziehungen[1]. Die beziehungslosen Kinder haben trotz andauernder Deprivation die Grundlage für ein autonomes Leben erlangt. Diese Grundlage ermöglicht ihnen, die Ausstoßung zu überleben und ihre Beziehungslosigkeit und ihre mangelnde Fähigkeit zu Schuldgefühlen und Loyalitäten in einen Vorteil für das Überleben zu verwandeln. Dem bindungslosen Kind fehlt das Gefühl, von Bedeutung zu sein, das Gefühl der Anteilnahme an einer Beziehung, deren Nebenerscheinungen das Schuldgefühl und die Loyalitätsbindung sind.

Stierlin bezieht sich auf den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott, nach dem ein positiver Aspekt von Schuldgefühlen darin besteht, im Prozess den anderen in eigene Überlegungen einzubeziehen und die Wirkung der eigenen Aggression wahrzunehmen (vgl. ebd., S. 173).

Dieser Aspekt lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf sich selbst. Die Wiedergutmachung, die die empathische Wahrnehmung des anderen beinhaltet, ist für die individuelle Entwicklung unerlässlich. Das Gefühl der Anteilnahme ist für die positive, entwicklungsfördernde Seite von Schuldgefühl und Loyalität entscheidend. Die Entwicklung dieser Fähigkeit hängt davon ab, wie dem Kind das Gefühl seiner Bedeutung vermittelt wird. Bei dem bindungslosen Kind ist dieses Gefühl schwach und unterentwickelt. Es beeinflusst später stark seine Ablösung in der Adoleszenz.

Die Delegation

Die Delegation ist die dritte Hauptperspektive, die die zentripetalen und die zentrifugalen Kräfte in Bewegung setzt. Das Konzept der Delegation stellt Stierlin in seinem Buch „Delegation und Familie“ (1982) dar.

Das delegierte Kind oder der delegierte Jugendliche tritt aus dem Elternbereich heraus. Dieses Heraustreten erfolgt bedingt. Stierlin erklärt es mithilfe der doppelten Bedeutung des ursprünglichen lateinischen Wortes delegare. Die erste Bedeutung ist aussenden, die zweite  mit einer Mission betraut sein.  „Letzteres besagt, dass der Delegierte zwar fortgeschickt wird, aber dem Sender verpflichtet bleibt“ (Stierlin: Delegation und Familie 1982, S. 24).

Der Prozess der Delegation setzt als sein Kernelement das Loyalitätsprinzip voraus. Er verbindet den Delegierenden und den Delegierten miteinander. Die lebenswichtigen Aufgaben, die die Eltern an ihre Kinder delegieren, können drei verschiedenen Motivationsebenen entstammen:

  1. Es können Aufträge auf der Es-Ebene sein. Der Delegierte versorgt die Eltern mit „Es-Nahrung“, mit Lebenserlebnissen, die sie eigentlich nicht erreichen können.
  2. Die zweite Ebene ist der Ich-Bereich. Die Mission des Delegierten besteht darin, das schwache Ich der Eltern vor Konflikten oder Ambivalenz zu schützen.
  3. Die dritte Ebene ist jene des Über-Ichs.

Stierlin übernimmt die Aufteilung dieser Ebenen von Freud, der von Ich-Ideal, Selbstbeobachtung und Gewissen spricht.

Auf das Ich-Ideal bezogene Delegation heißt, dass das Kind die Aufgabe hat, unerfüllte Wünsche der Eltern zu erfüllen. Die Mission des Kindes ist es, in dem Bereich der Selbstbeobachtung „ein Gegenbild der Schlechtigkeit zu liefern“ (ebd., S. 28).  Der dritte Teil bezieht sich auf das Gewissen. Die Aufgabe besteht darin, das quälende Gewissen der Eltern zu erleichtern. Das Kind begeht kriminelle Handlungen, die der Elternteil auch begangen hat, es jedoch bestreitet.

Stierlin unterscheidet drei Formen der Entgleisung des Delegationsprozesses:

  1. Wenn die Aufträge nicht mit dem Alter und den Talenten des Delegierten in Übereinstimmung sind. In diesem Fall macht der Delegierte eine unangemessene, ungleiche psychosoziale Entwicklung durch, was nach Stierlin mit psychologischer Ausbeutung gleichzusetzen ist. Ein mittelmäßig begabtes Kind soll künstlerische oder sportliche Karrieren erreichen, welche selbst die delegierenden Eltern nicht verwirklichen konnten.
  2. Wenn Konflikte der Aufträge entstehen. Ein oder mehrere Delegierende erteilen Aufgaben, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. In einer solchen Konfliktsituation befindet sich etwa ein Mädchen, das nach den Wünschen seiner Mutter eine tugendhafte Hausfrau sein, aber gleichzeitig auch lasterhafte Aufregungen suchen soll.
  3. Wenn Loyalitätskonflikte entstehen, in denen der Delegierte den Schuldgefühlen ausgeliefert ist. Stierlin nennt hier das klassische Beispiel von Hamlet. Er verrät einen delegierenden Elternteil um des anderen willen.

Das Phänomen der Entgleisungen der Delegationsprozesse entsteht durch interpsychische oder zwischenmenschliche Konflikte. Diese Konflikte betrachtet Stierlin auch in Bezug auf die Interaktionsweisen. Er unterscheidet in seinem Buch „Das erste Familiengespräch“ (1980) den gebundenen und den ausgestoßenen Delegierten.

Der gebundene Delegierte hat einen Auftrag, der ihn an die affektive Ebene der Familie bindet. So eine Aufgabe hat ein Kind, wenn es das Leben seines verstorbenen Geschwisters weiterleben sollte.

Der ausgestoßene Delegierte führt die Aufträge perfektionistisch aus, um statt elterlicher Kälte, Anerkennung zu gewinnen. In solchen Delegationsprozessen entwickeln sich die konformistischen Erfolgspersönlichkeiten.

Die Delegation ist ein Ausdruck eines notwendigen Beziehungsprozesses. Wenn jemand delegiert wird, erhält sein Leben Richtung und Sinn. Er nimmt an dem Strom der Generationen teil. Ein delegiertes Kind der Eltern hat die Möglichkeit, neben dem Loyalitätsprinzip die eigene Integrität zu stärken. Solche Aufträge haben persönliche und überpersönliche Bedeutung.

Der Aspekt der Delegation, sowohl in ihrer gesunden als auch in pathologischer, entgleisender Form, führt zum vierten Hauptgesichtspunkt. Dieser ist die Mehrgenerationenperspektive von Vermächtnis und Verdienst.

Die Mehrgenerationenperspektive von Vermächtnis und Verdienst

Diese Perspektive wurde zuerst von Iván Böszörményi-Nagy ausgearbeitet. Stierlin erklärt sie als transgenerationale Ausweitung des Delegationsprinzips. In der Wortwurzel delegare lassen sich die Worte lex (Gesetz) und ligare (binden) finden.

Die Delegation ist eine über mehrere Generationen hinweg wirkende Bindung oder Verpflichtung zur Rechenschaft. Aus der Mehrgenerationenperspektive betrachtet lassen sich viele delegierte Aufträge oder Auftragskonflikte als transgenerational bestimmen. In dieser Art des Konflikts lebt etwa diejenige Frau, die von ihrer Mutter und von ihrer Großmutter das Vermächtnis bekam, sich für die berufliche und politische Emanzipation der Frauen zu engagieren. Gleichzeitig versucht sie – nach dem Vermächtnis der Familientradition – als eine dienende Mutter ihre Kinder zu erziehen. Dieser Auftragskonflikt überfordert nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Sie werden nicht nur vernachlässigt, sondern werden zusätzlich von der Mutter den Auftrag erhalten, das von ihr nicht verwirklichte Vermächtnis zu erfüllen.

Die Vermächtnisse sind mit einem Loyalitätskonflikt und mit einer Versöhnungsaufgabe belastet, an denen nicht nur mehrere Generationen, sondern auch ganze zerstrittene Familien-Clans beteiligt sein können. Das klassische Beispiel des Vermächtnisses der gespaltenen Loyalität ist das tragische Schicksal von Romeo und Julia.

Zur Mehrgenerationenperspektive gehört noch außerdem der Verdienst bzw. die Verdienstbuchführung. Stierlin sieht den Verdienst als Bewusstseinselement und als motivierende Kraft.

„Die Erfüllung oder Nichterfüllung von Vermächtnissen wirkt sich auf den >>Verdienstkontenstand<< eines jeden Familienmitgliedes aus. Sein Gefühl gerecht oder ungerecht behandelt zu werden, Integrität zu besitzen oder einen Lebenssinn zu haben, ist davon bestimmt“ (Stierlin: Das erste Familiengespräch 1980, S. 33).

In Verdienstkonten wird Rechenschaft über die bestehenden oder fehlenden Verdienste abgelegt. Wenn keine Rechenschaft gegeben wird, besteht die Gefahr der Ausbeutung der einzelnen Familienmitglieder oder der Korruption des ganzen Familiensystems. Der fehlende Dialog zwischen den Familien- und den Generationsmitgliedern führt zur negativen Gegenseitigkeit und Entfremdung.

Die Gegenseitigkeit

Die Gegenseitigkeit, wie Austausch, Reziprozität oder das Aufeinandereinwirken ist ein wesentliches Merkmal jeder sich bewegenden Beziehung. Stierlin nennt in seinem Werk „Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen“ (1978)[2] die Freundschaft, in der das Moment der Gegenseitigkeit enthalten ist. Aristoteles’ Beschreibung der Freundschaft[3] in der „Nikomachischen Ethik“ (VIII, 1-5) erwähnt Stierlin als Beispiel, wenn nicht als eines der schönsten Beispiele überhaupt, der Gegenseitigkeit und Erwiderung.

Stierlin unterscheidet negative und positive Gegenseitigkeit.

Entscheidendes Moment jeder positiven Gegenseitigkeit ist die Bewegung der Beziehung. Diese Bewegung erfasst immer tiefere Persönlichkeitsbereiche der Partner. Darin zeigt sich ein Merkmal der positiven Gegenseitigkeit, die sich als Dialog betrachten lässt. Hier entsteht eine Bewegung des gegenseitigen Anerkennens und damit einhergehend der gegenseitigen Bedürfnisbefriedigung. In diesem Zusammenhang kommt der hegelianischen Dialektik eine wichtige Rolle zu.

Für Stierlin ist der Terminus Dialektik ein Zauberwort, das ihn seit einem halben Jahrhundert immer wieder fasziniert. In seinem Buch „Haltsuche in der Haltlosigkeit“ nennt er Hegel den Meister der Dialektik. Mithilfe seiner dialektischen Methode ist die Möglichkeit gegeben, einerseits die Bewegungen in nahen Beziehungen zu erfassen, andererseits die „wichtigsten Entwicklungen der Familie und systemischen Therapie nachzuzeichnen“ (Stierlin: Haltsuche in Haltlosigkeit 1997, S. 112).

Stierlin übernimmt und formt den dialektischen Ansatz an dieser Stelle weiter in eine dialogische Bewegung der Beziehung, in der der sich abspielende Verdoppelungsprozess des Selbstbewusstseins zu einem charakteristischen Verhältnis von Subjekt und Objekt führt. Dieses Verhältnis ist das zweite Moment der positiven Gegenseitigkeit.

„In der […] Bewegung der Beziehung wird der andere für mich Subjekt und Objekt zugleich, und ich werde beides für ihn. Der Prozess der Verdoppelung des Selbstbewusstseins, des Aus- uns- Herausgehens und wieder In- uns- Zurückkehrens macht diese Versöhnung möglich“ (Stierlin 1978, S. 69).

Wo der Prozess der Versöhnung nicht gelingt, entwickelt sich Feindschaft, eine negative Gegenseitigkeit. Die positive Gegenseitigkeit erlaubt Konflikte und Konfrontationen der Partner. Die Authentizität einer Beziehung entsteht durch Anerkennung der Konfrontationen und Differenzen.

Die negative Gegenseitigkeit zeigt gestörte dialogische Bewegung, die fehlende Dialektik von Subjekt und Objekt, und es gibt keine Möglichkeit der Konfrontation. Die Bewegungslosigkeit einer Beziehung führt in die Beziehungslosigkeit, in die Einsamkeit. Ohne Bewegung gibt es keinen Dialog. Die fehlende Bewegung führt zur Verhärtung, zum Stillstand in den familiären Beziehungen.

Eine extreme Störung der Subjekt-Objekt Dialektik ist bei den narzisstischen und bei den depressiven Personen festzustellen.

Die oben dargestellten vier Hauptperspektiven verweisen auf die Elemente langfristig wirkender Beziehungskonstellationen. Bei der letzten, fünften Systemkraft der Gegenseitigkeit geht es um das Hier und Jetzt, um den Ist-Zustand, um die augenblicklichen Beziehungsstrukturen.

Für Stierlin ist der eigentliche Theoretiker dieser Perspektive Gregory Bateson. Er reduziert die komplexen Beziehungskontexte auf das Wesentliche, auf einfache Elemente, wobei alle menschlichen Beziehungen „in den Sog des Machtkampfes geraten sind“ (Stierlin: Das erste Familiengespräch 1980, S. 34).

Bateson bezeichnet diesen Kampf auch als symmetrische Eskalation.

Stierlin betrachtet eine extreme Form des Machtkampfes oder der malignen Verklammerung als negative Gegenseitigkeit. In diesem Fall bewegt sich nichts in der Beziehung. Stierlin stellt diesen Zustand anhand des Bildes des Boxkämpfers im Clinch, in Umklammerung des Gegners  dar. Solche rigid-komplementären Beziehungen hängen wie an einem unauflösbaren Knoten.

Beziehungskämpfer setzen ganz bestimmte Waffen ein:  den Partner hilflos machen, unter Schulddruck setzen und auf seine Schwäche und Unfähigkeit zeigen. Die Entklammerung des Machtkampfes ermöglicht allen Beteiligten einen neuen Anfang und eine Hinwendung zu wechselseitiger Individuation und Trennung, um einen wirklichen Dialog zu beginnen.

Ist die maligne Verklammerung einmal durch den therapeutischen Weg aufgebrochen, kommt nicht selten von selbst die positive Gegenseitigkeit in Gang.

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[1] „Objektbeziehung bezeichnet die Beziehung des Subjekts zu seiner Welt. Objekt bezieht sich auf eine reagierende Person, die auf die Äußerungen des Subjekts eingeht“(http//www.lexikonstanglen/5404/). [Stand 15. 11.14]

[2] „Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen“ ist aus Hegels Phänomenologie des Geistes (Kapitel 4/A Herrschaft und Knechtschaft). „Jedes sieht das andre dasselbe tun, was es tut; jedes tut selbst, was es an das andre fordert, und tut darum was es tut, auch nur, insofern als das andre dasselbe tut. […] Das Tun ist also nicht nur insofern doppelsinnig, als es ein Tun ebenso wohl  gegen sich als gegen das Andere, sondern auch insofern, als es ungetrennt ebenso wohl das Tun des Einen als des Anderen ist“ (Hegel: Phänomenologie des Geistes  Bd. 3 Frankfurt am Main 1979, S. 148).  Es sind Ansätze der Theorie der Gegenseitigkeit bei Hegel.

[3] „Denn ohne Freunde möchte niemand leben. […] Menschen von gleicher Art sind Freunde. […] Freunde müssen […] Wohlwollen füreinander empfinden und sich das Gute wünschen. […] Auch kann man sich erst dann gegenseitig anerkennen und Freund sein, wenn sich einer dem anderen als liebenswert erwiesen und das Vertrauen befestigt ist. […] Der Wunsch nach Freundschaft entsteht rasch, die Freundschaft aber nicht“ (Aristoteles: Nikomachische Ethik, Berlin 1991, S. 170).