Ein Aspekt der anthroposophischen Persönlichkeitsauffassung

Die Temperamentenlehre ist ein wichtiges Fundament der Menschenkunde von Rudolf Steiner. Im Jahr 1919 schilderte er in seinen Vortragskursen den pädagogischen Wert der Erkenntnisse  und Erfahrungen vom Temperament.

Steiners Konzept von den Temperamenten ist eine Wiederentdeckung einer altgriechischen Wahrheit über den Menschen. Hippokrates führte die Unterschiede der Menschen in Bezug auf ihr Wesen und Emotionalität auf die individuellen Mischungen der Körpersäfte (humores lat.: Feuchtigkeit) Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zurück. Bei jedem entstünde ein anderes Mischungsverhältnis der Flüssigkeiten und ein individuelles Temperament (temperamentum lat.: das richtige Verhältnis gemischter Stoffe).

Das Temperament

Karl König stellt Steiners Temperamentenlehre in seinem Buch „Über die menschliche Seele“ (1969) dar, und er geht von der Feststellung aus, dass das Temperament eine angeborene Disposition des Menschen ist. Es ist die „dispositionelle Stimmung des Individuums“. Diese Stimmung äußert sich in der Reaktion und Empfindlichkeit des Menschen gegenüber der Welt. Die Temperamentsbildung würde nach dem zwanzigsten Lebensjahr des Menschen abgeschlossen und diese seelische Eigenschaft bliebe dann unverändert bis zum Lebensende.

Nach Steiner ist das Temperament ein Mittler zwischen Individualität und Vererbung, zwischen Geist und Körper, Innenwelt und Außenwelt. Es gleicht das Ewige mit dem Vergänglichen aus.

Weiter gibt es nach Steiner zwei Eigenschaften, die das Temperament bestimmen. Diese sind die Reizbarkeit und die Kraft. In einzelnen Temperamenten ist die Mischung der Kraft und Reizbarkeit verschieden. Die Kraft steht in Bezug zur Willenskraft und die Reizbarkeit zu den Sinnesorganen. Die Quelle der Reizbarkeit ist die Fähigkeit des Erkennens und Urteilens. Diese wird zu dem Bereich des Denkens zugeordnet. Denken und Willenskraft bestimmen den Bereich des Temperaments.

Anhand dieser Eigenschaften und Fähigkeiten unterscheidet Steiner vier Typen von Temperamenten:

  1. Melancholisch: große Kraft, wenig Reizbarkeit.
  2. Cholerisch: große Kraft, große Reizbarkeit.
  3. Sanguinisch: wenig Kraft und große Reizbarkeit.
  4. Phlegmatisch: wenig Kraft und wenig Reizbarkeit.

König erklärt, dass Kraft hier Lebens- und Tragekraft eines Menschen bedeutet. Die Reizbarkeit ist die Fähigkeit, langsam oder schnell auf eine Situation oder auf einen Eindruck zu reagieren. Ein Sanguiniker wird von jedem neuen Eindruck erfasst und wendet sich immer wieder schnell zu Neuem. Ein Choleriker bleibt so lange bei einem Eindruck, bis er ihn verstanden und gemeistert hat. Der Phlegmatiker ist langsam und arm an Kraft. Er hat wenig eigene Initiative und ist von der Umgebung leicht zu beeinflussen. Der Melancholiker hält sich mit wenig Reizbarkeit aber viel Kraft an den ausgewählten Objekten und Ideen fest.

Ein Mensch ist nicht nur von einem Temperament bestimmt. Jeder Mensch hat alle vier Temperamente in sich, aber eines ist das vorherrschende.

Karl König ordnete die vier Typen in einem Kreis an:

Cholerisch
MelancholischSanguinisch
Phlegmatisch

Diese Anordnung der Temperamente zeigt, dass zwei Temperamente zueinander immer gegenüberstehen und sich gegenseitig ausschließen. Jedes Temperament hat zwei Begleiter:

Der Choleriker wird immer eine gewisse Melancholie zeigen und auch sanguinische Züge. Der männliche Choleriker zeigt mehr die melancholische und der weibliche mehr die sanguinische Seite. Ein Melancholiker hat phlegmatische und cholerische Züge. Der Phlegmatiker hat sanguinische und melancholische Seite und der Sanguiniker cholerische und phlegmatische.

Jeder Mensch hat sein spezielles Temperament

In jeder Person findet sich eine ganz eigene Mischung von Temperamenten. Diese werden auch von anderen individuellen Eigenschaften geformt und beeinflusst. König nennt es „die Einkleidung oder die Färbung der Individualität des Menschen“.

Es ist nicht leicht, das Temperament eines Menschen zu erkennen, denn es mischen sich drei Temperamente ineinander und das eigentlich dominierende Temperament kann seine Färbung verlieren.

König betrachtet als charakteristisches Symptom das Verhältnis der verschiedenen Temperamente zum Phänomen der Zeit:

  • Ein Melancholiker ist mit den vergangenen Erlebnissen verbunden. Sein Blick ist nach der Vergangenheit gerichtet.
  • Der Choleriker kann leicht vergessen. Er verlangt nach Aktivität und neue Aufgaben. Mit seinem Blick schaut er in die Zukunft.

Der Phlegmatiker und der Sanguiniker sind mit der Gegenwart verbunden.