Das Big-Five-Persönlichkeitsmodell

Im Rahmen der genetischen Persönlichkeitspsychologie wird das Fünf-Faktoren-Modell kritisch beurteilt. Es ist eine statische Persönlichkeitstheorie und wirft zunächst mal folgende Frage auf: Warum ist es wissenschaftlich oder praktisch sinnvoll, die Vielfalt der menschlichen Persönlichkeit auf die Wirksamkeit von fünf Faktoren zurückzuführen?

Diese Hauptdimensionen der Persönlichkeit mit charakteristischen Fragen sind:

  • Extraversion / Introversion: Wieweit reagieren wir auf die Reize von außen?
  • Neurotizismus / Bedürfnis nach Stabilität: Wieweit reagieren wir auf die Rückschläge?
  • Verträglichkeit / Unverträglichkeit: In wieweit stellen wir die eigenen Interessen über die anderer?
  • Gewissenhaftigkeit / Nachlässigkeit: In wieweit arbeiten wir organisiert und ergebnisorientiert?
  • Offenheit / Konservativismus: In wieweit suchen wir nach neuen Ideen und Erfahrungen?

Thomas Saum-Aldehoff gibt in seinem Buch „Big Five – sich selbst und andere erkennen“ (2012) ausführliche Darstellungen der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit.

Extraversion – Introversion

Das Faktor Extraversion / Introversion ist der wahrscheinlich best bekannte dieser fünf und sehr gut erforscht.  Das Begriffspaar wurde eigentlich von C. G. Jung geprägt und von Saum-Aldehoff lediglich übernommen. Die Polaritäten unterscheiden sich nach der Ausrichtung ihrer psychischen Energie. Bei Extravertierten fließt sie in die Außenwelt und bei Introvertierten in die Tiefe der Seele. Ein weiterer Unterschied liegt in der Einstellung zu den „Objekten“, zu den Menschen. Der Extravertierte ist positiv und offen. Der Introvertierte entzieht sich.

Jung beschreibt in seiner Typologie die Unterschiede zwischen extravertierten und introvertierten Menschen auch in Bezug auf das Denken, Fühlen und Empfinden.

Die modernen Persönlichkeitsforscher des Big-Five-Modells sehen die Extraversion als ein Bündel von Eigenschaften, die deutlich miteinander zusammenhängen. Die sechs Teilaspekte oder Subeigenschaften der Extraversion sind:

  • Herzlichkeit
  • Geselligkeit
  • Durchsetzungsfähigkeit
  • Aktivität
  • Erlebnishumor
  • Frohsinn

Diese Eigenschaften sind leicht an den Personen wahrzunehmen.

Es ist viel schwieriger, einen introvertierten Menschen zu beschreiben, denn das  Verhältnis der beiden Polaritäten zueinander ist mehr als gegenteilig:

  • Der extravertierte Mensch ist gesellig und herzlich, aber der Introvertierte ist nicht ungesellig und abweisend, sondern er ist reserviert und abwartend.
  • Der Extravertierte ist aktiv und voller Elan, aber der Introvertierte ist nicht passiv und faul.

Der Big-Five-Forscher Paul Costa meint daher, man solle Introversion nicht als Gegensatz, sondern als das Fehlen von Extraversion ansehen. Die Introversion bildet den Nullpunkt der Extraversion, d. h. der sechs Subeigenschaften der Extraversion.

Geerbt – entwickelt – verändert

Die verhaltungsgenetischen Untersuchungen haben gezeigt, dass Extraversion / Introversion und die anderen Persönlichkeitsdimensionen eine geerbte Grundlage haben. Die Gene formen die Big-Five-Eigenschaften etwa zu 50 %, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht bis zu einem gewissen Grad lernbar oder trainierbar sind.

Unsere Persönlichkeit begleitet uns durch unser Leben. Und allzu euphorische Stimmungslagen sind für die introvertierte Persönlichkeit in ihrem biologischen Plan nicht vorgesehen. Jeder Mensch hat seine eigene Art, jeder reagiert so, wie es für ihn typisch ist. Und Veränderung ist ebenfalls möglich.

Neben dynamischen Prozessen und Änderungen gibt es einen unveränderlichen Kern der Persönlichkeit, den einige der Big-Five-Psychologen Temperament nennen. Das Temperament ist ein angeborenes, biologisches Fundament der Persönlichkeit. Nach Saum-Aldenhoff bleibt das Temperament, die emotionale Färbung, der antreibende Motor der Persönlichkeit, unverändert. Es bildet den individuell-biologischen Rahmen um das, was man tut und nutzt, um die Eigenschaften seines Charakters zu ändern.

Was das Leben an uns formt und wandelt, ist der Charakter, das Erscheinungsbild der Persönlichkeit: das Auftreten, die Gewohnheiten, Routinen, Selbstbild und Selbstvertrauen. Der Charakter der Person ändert sich im Lauf des Lebens.

Das empirisch ausgearbeitete Big-Five-Modell ist in der Persönlichkeitsforschung in letzten Jahrzehnten die Grundlage des Testverfahrens geworden. Es begrenzt sich nicht nur auf die Selbstbeobachtung, sondern ist auch auf die Fremdbeschreibung angelegt.

Das Big-Five-Persönlichkeitsmodell ist ein wichtiges Mittel der Selbsterkenntnis, die uns als notwendige Bedingung der selbstverantwortlichen Lebensgestaltung zu sein scheint – vorausgesetzt, dass die Selbsterkenntnis vom Äußerlichen und Falschen zum Authentischen, Inneren führt. Die klare Einsicht und das richtige Wissen sind von großer Bedeutung für die Selbstführung und für die Biografie des Menschen