Aspekte der Autogenese

„Behandele die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein könnten.“ (Goethe)

Gemeinsame Eigenschaft zahlreicher Definitionen der Persönlichkeit ist, dass die Bedeutung der Person vom äußerlichen, falschen, maskenartigen zum innerlichen, echten Eigenwesen reicht. Die dynamische Art des Verstehens und Interpretierens des Menschen als Individuum kennzeichnet einige der modernen Persönlichkeitstheorien.

Die psychologische Lehre von Hans Thomae ist aus der humanistisch–existenzpsychologischen Tradition entstanden. In seinem Buch „Persönlichkeit – Eine dynamische Interpretation“ (1951) weist er auf die große Bedeutung von Längsschnittstudien eines Lebenslaufs hin.

Thomae hebt die prinzipielle Entwicklungsfähigkeit des Menschen im gemeinsamen Lebenslauf hervor und zeigt darauf hin, dass der psychische Zustand des Menschen im Alter ohne Analyse seiner Biografie nicht wirklich verstanden werden könne. Güte, Abgeklärtheit und Gefasstheit sind nach Thomae Anzeichen für das Maß, indem eine Existenz für die neuen Entwicklungswege geöffnet und plastisch bleiben kann. Methodische Forderungen für die Erfassung, Beschreibung und Interpretation psychischer Geschehen bei Thomae haben im Längsschnitt den Prozesscharakter des Erlebens und Verhaltens veranschaulicht. Die biografische Analyse ist die Grundlage der Darstellung der individuellen Entwicklung geworden.

Die Persönlichkeit des Menschen ist kein Status quo

Die Persönlichkeit des Menschen unterliegt einem fortlaufenden Wandlungsprozess. Dieser von Erikson dargestellten Erfassung folgte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts die genetische Persönlichkeitspsychologie. Das Konzept dieser Theorie von Jüttemann geht vom ähnlichen Ansatz aus, wie die psychologische Biografik.

Jüttemann beschreibt in seinem Buch „Persönlichkeit und Selbstgestaltung“ (2007) ein Erlebnis aus seiner Kindheit. Als kleiner, 5 – 6 Jahre alter Junge saß er auf dem Schoß seiner Mutter und weinte. Der Anlass seiner Traurigkeit war, dass er der Tatsache, die Menschen müssen sterben und auch er würde eines Tages tot sein, bewusst geworden war. Dieses Erinnerungsbild bezeichnet Jüttemann als Geburt seiner Selbstreflexion bzw. Beginn seiner Zukunftsplanung als Anfang und Ausdruck seiner Entwicklung der eigenverantwortlichen Lebens- und Selbstgestaltung.

Jüttemann, als Begründer des Autogenese-Konzeptes, sieht die Person als Urheber des Geschehens, über das sie autobiografisch zu berichten hat. Es besteht eine tiefe Verbindung des Verhaltens und Erlebens des Individuums mit der Dimension der Genese, d. h. der Entwicklung, des Entstehens und der Selbstentwicklung.

Jüttemann sieht auf der Basis des Konzeptes der Autogenese die Möglichkeit, eine kompakte Definition des Begriffs der Persönlichkeit zu formulieren: „Die Persönlichkeit ist permanente Autogenese und derer individualhistorisches Produkt“ (Jüttemann, 2007 S. 45).

Die Person ist das Zentrum der permanenten Entwicklung. In der Autogenese äußert sich die Selbstverantwortung des Menschen für sein Leben. Er ist der Träger der Kräfte, die die Prozesse der Selbstgestaltung initiieren und kontrollieren. Das heißt jedoch nicht, dass das Individuum seine Entwicklung frei gestaltet: „Die Lebensgeschichten sind im gewissen Sinne Widerstandsgeschichten“ (Fucks – Heinritz: Biographische Forschung 2009 S. 82). Diese Widerstände entstehen gegen größere und kleinere soziale Zusammenhänge. Darin liegt die Quelle der Entwicklung als Reaktionsform auf die belastenden Umstände, wie zum Beispiel familiäre oder berufliche Situationen.

Zusammenhang von Autogenese und Sozialisation

Jüttemann untersucht den Zusammenhang von Autogenese und Sozialisation. Vom Standpunkt der Soziologie gehören zur Sozialisation alle Vorgänge und Prozesse, in denen der Mensch zum Mitglied einer Gesellschaft und Kultur wird. Es ist die Anpassung des Individuums an die größeren und kleineren Gruppen wie beispielsweise gesellschaftliches System, religiöse Gemeinschaft, Familie, Schule und Freunde.

Aus psychologischer Sicht wird die Sozialisation als Vorbereitung auf das Erwachsenenalter und damit als ein Prozess der Herstellung einer relativen Autonomie verstanden. Jüttemann betrachtet die Autogenese als Bestandteil der Sozialisation. Die Selbstentwicklung des Menschen vollziehe sich keineswegs im Sinne einer radikalen Autonomisierung und Individualisierung. Jüttemann behauptet, nur durch die richtige Sozialisation kann das Individuum einen stabilen Charakter und solche Eigenschaften erwerben, die Basis für die Entfaltung seines Lebens bleiben.

Das Phänomen der ideologischen Fremdbestimmung, wie es die Religionsgemeinschaften oder die politischen Bewegungen darstellen, schafft eine nicht bewusste Identität und eine völlige soziale Determination der Person. Solche manipulatorischen Vorgänge haben zum Ziel das Reproduzieren und das Erhalten des jeweiligen sozialen Systems. Die bewusste Identität der Person setzt das Nachdenken und das klare Bild über die Ziele und die Art und Weise des eigenen Verhaltens und Handelns voraus.

„Wer bin ich jetzt – wer war ich damals?“

Die Identität zeigt sich durch die Individualität des Menschen. Sie ist als Relationsbegriff eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich jetzt im Vergleich zu damals?“ Die Autogenese bezieht sich auf jene Prozesse, die eine individualgeschichtliche Dimensionhaben. Prozesse, Vorgänge, die sich im alltäglichen Leben ständig wiederholen und daher ungeschichtlich sind, haben keine langfristige Bedeutung.

Die Gegenstände der autogenetischen Gestaltung sind solche Inhalte, die individualhistorisch generalisierbare Tendenzen des Planens und des Handelns zeigen, oder die individuellen Zielsetzungen zeitlich weitreichende Bedeutung haben, wie zum Beispiel Erziehung, Gesundheit und Beruf. Zeit und Zeitfaktoren gehören zu der Erfassung der individualhistorischen-biografischen Phänomene.

Selbsterhaltung und Selbstentfaltung

Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde das teleologische Denken als Ausdruck und Basis des individuellen Erlebens und Denkens des Subjekts definiert. Das teleologische Denken bildet ein wichtiges Element des Konzeptes der Autogenese. In der Ausarbeitung der teleologischen Fragestellung greift Jüttemann auf William Stern (1871 – 1938) zurück. Stern unterscheidet die Ziele der Selbsterhaltung und Selbstentfaltung der Person.

Die Ziele der Selbsterhaltung sind Conditio sine qua non (eine notwendige Bedingung) des persönlichen Daseins. Den Vorgang der Selbstentfaltung beschreibt Stern als Wachsen und Anderswerden, dessen höchste Stufe ist, wenn die Person noch nicht realisierbaren Zielen entgegenstrebt.