Philosophische Ansätze in der Heilpädagogik

Philosophieren über und mit behinderten Menschen

Die Heilpädagogik ist eine Teildisziplin allgemeiner Pädagogik. Diese Schnittstelle zeigt sich darin, dass in der Heilpädagogik nicht mit anderem Menschen als in der Pädagogik umgegangen wird. Es gelten gleiche Normen und Werte und auch ein gleiches Menschenbild sowohl für heilpädagogisches, als auch für pädagogisches Handeln.

Die heilpädagogische Situation ist durch die Verantwortung des Erziehers dem Kind und den Eltern gegenüber gekennzeichnet.  Das philosophische Verständnis von Menschen hat grundlegende Bedeutung für das Konzept eines Hilfesystems und für die Interpretation der menschlichen Probleme. Die Heilpädagogik und das heilpädagogische Handeln suchen nach Antworten auf die Fragen vom Sinn des menschlichen Daseins, vom Sinn des Leidens. Es werden nach den Prinzipien der Ethik des Helfens und der Erziehungsmaßnahmen gesucht.

Die normative Heilpädagogik orientiert sich an der Würde und am Lebenswert des einzelnen Menschen. Sie stellt hohe moralische Forderungen an das persönliche Leben und an die Persönlichkeit des Heilpädagogen. Philosophische Anthropologie und Ethik haben für Heilpädagogik besonderen Stellenwert. Diese zeigen sich auch in therapeutischen Zusammenhängen.

Das altgriechische Wort Therapie heißt mit weitreichender Bedeutung von Heilen bis hin zu (Gott) dienen. Die moderne Sichtweise führt zur Ausbreitung der Bedeutung der Therapie. Neben Absichten wie Krankheiten heilen und psychosoziale Spannungen und Leiden lindern, entstand die Tendenz der therapeutischen Vermittlung von Sinnhorizonten und Daseinsgestaltung.

Philosophie als Therapie entstand als philosophische Praxis in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Philosophen stellen ihr Wissen in Philosophischen Praxen in den Dienst des Menschen, um ihn bei der Bewältigung seiner Probleme zu unterstützen. Durch das gemeinsame dialogische Denken von Gast und Praktiker soll im Gespräch eine Einsicht entstehen, die ein gutes Leben ermöglicht.  Die Philosophische Praxis ist eine Lebensberatung, eine Aufklärung. Es wird keine Diagnose gestellt. Das Leiden wird als normal und menschlich gesehen. Das Gespräch setzt das Denken in Bewegung. Es wird auf der Augenhöhe diskutiert.

Die griechischen Philosophen lehrten, der Mensch bedürfe der philosophischen Unterweisungen, um mit seinen Erfahrungen in der Welt zurechtzukommen. So besteht die Aufgabe der Philosophie auch heute darin, eine helfende und unterstützende  Aufbauarbeit an der menschlichen Seele zu leisten und Menschen bei der Gestaltung des eigenen Lebens und in Grenzsituationen zu begleiten. Im Gespräch wird dem Menschen als Individuum, als besonderes Einzelwesen begegnet.

Das Besondere, das sich im dynamischen Verhältnis zum Allgemeinen zeigt, ist eine der wichtigsten Kategorien der Heilpädagogik. Das Besondere betrifft auch das menschenspezifische Denken und Bilden.

Auch die behinderten Menschen haben Fragen zum Leben. Sobald eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen einsetzt, beginnt die Philosophie als Philosophieren.

Interessante Ansichten können ausgesprochen werden, denn die behinderten Menschen nehmen die Welt anders, besonders wahr. Sie haben ein anderes Gespür für die Erscheinungen um sich herum. Die  möglichen philosophischen Themen, mit denen sich jeder,  also auch die behinderten Menschen in besonderer Art und Weise, konfrontieren, sind: Anderssein, Fremdsein, Identität, Freundschaft, Gefühle und Seele, Liebe, Glück, Wahrheit und Lüge, Streiten, Vertrauen, Gott.  Die methodischen Wege zu diesen Inhalten können ganz unterschiedlich sein: Gespräch, Wörter, Bilder, Gegenstände, Ausarbeitung der Begriffe und Gegenbegriffe, Rollenspielen etc.

Das Sprechen hat eine besondere Rolle in Bezug auf das suchende Wesen des Menschen nach Sinn, Gerechtigkeit, Gewissheit und Halt. Das Sprechen ist das Medium des Philosophierens. Wo Sprechen nicht möglich ist, ersetzen Handlungen oder Zeichnen das Darstellen der philosophischen Fragestellungen.

Nach Matthew Lipman (1923-2010, Begründer einer Philosophie für Kinder) wird das Philosophieren als die vierte Kulturtechnik verstanden und scheint in unserem technischen Zeitalter immer wichtiger zu sein.  Denn: „Was nützt es den Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt, aber das Denken anderen überlässt?“ (E. Hauschka)

Wie wichtig das Philosophieren auch für Menschen mit Behinderung ist, belegt die Äußerung eines mit Autismus lebenden Betroffenen: „Heute sehe ich die Freiheit, der Traum von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken. Ich glaube, das ist eine Utopie  . . .  Vielleicht, wenn man so nach Dingen sucht, nach solchen tiefen Dingen, immer alles hinterfragt  . . .“  Ja, hinterfragen und nachdenken führen in die Philosophie.

Literatur:

Dederich, Markus: Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik. Stuttgart 2013

Dohmen, Michael: Philosophieren mit Schülerinnen und Schülern mit einer geistigen Behinderung – aber wie? Essen 2008

Interview mit einer Schulhelferin (Fr. F 60 Jahre), 14.03.2014

„Was den einen in Erstaunen versetzt, versetzt den anderen in Angst.“ (Erhard Blank)

I: Erzählen Sie bitte, wie für Sie die ersten Monate in unserer Schule waren?

E: Also ich fand sie sehr, sehr gut, weil im Vergleich zu der anderen Schule, wo ich vorher war, fand ich hier die Menschlichkeit im Umgang mit den Schulhelfern extrem lieb und nett. Unsere Arbeit wird hochgeschätzt, sehr akzeptiert und ich wundere mich, dass ich auch so viel Mitspracherecht habe. Das war an der anderen Schule nicht so.

I: Was half Ihr, die Entscheidung für diesen Arbeitsplatz zu treffen?

E: Ich durfte die Lehrer beobachten, wie sie mit den Kindern umgingen; ich habe die Kollegen beobachtet, wie sie reagieren und konnte vergleichen. Ich hatte drei Tage Einarbeitung, in der ich beobachtet wurde, wie ich mit den Leuten oder mit den Schülern umgegangen bin.

I: Bevor Sie bei uns angefangen haben, haben Sie unsere Schule und einige von den Schülern kennengelernt?

E: Eine ganze Woche, die ich für mich ganz unnötig fand, weil ich schon die drei oder vier Jahre in der anderen Schule hatte. Ich durfte überall mitlaufen und mir alles anschauen oder Fragen stellen. Am Ende war es dann, glaube ich , doch wichtig, die Woche hier gewesen zu sein.

I: Waren Sie früher in einer heilpädagogischen Einrichtung als Schulhelferin tätig?

E: Ja, aber staatlich geführt.

I: Woran merken Sie den Unterschied zwischen den beiden Schultypen?

E: Hier merke ich, es ist ruhiger, obwohl die Kinder, zumindest empfinde ich das so, schwieriger sind. Es ist intensiver, also extremer …, aber es geht ruhiger zu. Hier ist keine Hektik. Pause, Unterricht oder anderes, alles ist irgendwie fließend. Viel ruhiger, ja und auch gelassener. Diese Einheit, was ich früher nicht verstand, dass der Mensch als eine Einheit gesehen wird, das merke ich jetzt hier und das spüre ich als einen entscheidenden Unterschied. In der anderen Schule, da stand die Behinderung im Mittelpunkt und die restlichen Bedürfnisse waren ausgeschaltet. Hier ist alles zusammen, hier erlebe ich diese Einheit. Erstaunlich!

I: Nehmen Sie hier auch die menschliche Seite der pädagogischen Tätigkeit wahr?

E: Ja, jeden Tag – den Kindern und Schülern gegenüber und dem Personal gegenüber. Ganz anders, als ich es bisher kannte.

I: Wie fühlen Sie sich jetzt als Schulhelferin in der Schule? Haben Sie klare Aufgaben?

E: Sehr deutliche, klare Aufgaben. Ja, ich werde auch von den Lehrern geführt, das hilft mir. Ich brauche nicht zu überlegen, was mache ich richtig, was mache ich falsch. Die Lehrer sind für mich maßgebend, was ich zu tun habe und das finde ich, läuft hier wunderbar.

I: Woran haben Sie gemerkt, dass Sie in Ihrer Arbeit sicherer geworden sind?

E: Ich bin jetzt mutiger. Ich habe immer öfter das Gefühl, auch die Lehrer befürworten, was ich tue und unterstützen mich. Und einfach der gute Umgang mit den Kindern. Sie hören mir zu, befolgen meine Ratschläge oder meine Anweisungen. Ich habe jetzt einen wirklich sicheren Stand bei den Kindern.

I: Welche drei Personeneigenschaften oder Einstellungen könnten Sie als Ihre Arbeit unterstützend erwähnen?

E: Man braucht ein bisschen Mut, es sind nicht immer leichte Kinder dabei. Man braucht den Mut, denen gegenüberzustehen, wenn Gegenstände fliegen (lacht) . . .  ja, man sollte keine Angst haben! Auch Mitleid mit den Kindern wäre verkehrt. Also ich persönlich nehme die Kinder als vollwertige Menschen an. Ich sehe keine Behinderung. Ich merke es nur, wenn dann was zu schreiben oder zu lesen ist. Denke mir, aha, das können sie nicht! Aber auch dabei nehme ich sie ernst. Man braucht viel Ruhe, viel Gelassenheit, einfach, um diesen prekären Situationen gewachsen zu sein, dass man nicht gleich in Panik gerät, denn kann schon mal passieren denke ich, wenn man es nicht besser weiß. Sonst? Ach, ich glaube, für mich ist das so das Wichtigste.

I: Was meinen Sie, brauchen Sie heilpädagogische Kenntnisse, um die Aufgaben der Schulbegleitung ausfüllen zu können?

E: Nein, ich bin nur eine Helferin, man sagt mir, was und wie ich es tun kann. Außerdem habe ich früher schon viel mit Menschen gearbeitet, zwar nicht immer den Behinderten, aber ich habe mein Leben lang in der Medizin gearbeitet und das ist auch ein schwieriges Gebiet, denn die Patienten, die kranken Leute, sind sehr schwierige Leute. Ich weiß, die Heilpädagogik ist ein ganz anderes Gebiet. Doch bestimmt hat mein früherer Beruf geholfen, hier gut mitzuarbeiten. Andererseits fehlen mir sicherlich bestimmte Aspekte, die man hier betrachtet, die ich momentan noch nicht weiß. Von der psychologischen Seite müsste man ausgebildet sein, das glaube ich schon. Das ist einfach wichtig und ich glaube, das ist ja in der Ausbildung Heilpädagogik auch dabei. Oder Lebensmittelkunde und das Zubereiten von Essen. Ich habe in der anderen Schule schon ein bisschen gemerkt, was man da alles machen kann, wo ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass das geht und Sinn macht. So viel Selbstgemachtes, was man mit einfachen Mitteln herstellt. Aber ich denke, man braucht schon eine Ausbildung dafür.

I: Nur die Erfahrung oder die Erwähnung, dass man in diese Richtung arbeiten kann,  reicht nicht?

E: Also, wenn jetzt ein junger Mensch hier reinkäme, nein, ich glaube nicht.  Ich durch meine Lebens- und Arbeitserfahrung habe vielleicht einen kleinen Vorteil, aber ein   junger Mensch, der bräuchte schon eine gezielte Ausbildung. Eine allgemein gehaltene Ausbildung könnte ich mir nicht gut vorstellen. Ich habe früher auch nicht gewusst, dass diese Arbeit so intensiv ist. Sehr intensiv. Ich kann es mir auch mit der Inklusion nicht vorstellen. Ich wüsste nicht, wie es funktionieren soll. Weil: Ich merke schon hier, wenn ich so die Lehrer beobachte, wie sie mit einzelnen Kindern umgehen, dass ich denke, das gibt es gar nicht! Das kann man in einer normalen Klasse, wo 30 oder 35 Schüler sitzen, doch nicht leisten. Das ist auch nicht mit einem Schulhelfer auszugleichen, das glaube ich nicht.

I: Wie groß war die Klasse in der Schule, wo Sie früher gearbeitet haben?

E: Auch so wie hier, 6 bis 8 Schüler. Aber es gab nicht diesen Förderunterricht wie hier. Einzelne Kinder hatten zwar Gymnastik, richtig professionelle sogar. Ein Physiotherapeut ist gekommen und hat mit ihnen geübt. Wir machten auch ein bisschen Musik, aber so den Musikunterricht wie hier, in dem jedes Kind irgendwie beteiligt wird mit einem Instrument, das hat`s nicht gegeben. Ich finde das fantastisch hier! Ich habe einen Schüler gesehen, der hat so toll die Djemben geschlagen. Alles wegen der  Musiktherapie. In der Klasse wurde vorgeführt, wie das geht. Ich war erstaunt, wirklich erstaunt.

I: Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Gespräch mit einer Maltherapeutin (48 J.)

I: Wir sitzen jetzt in deinem Therapieraum, der zu einer Waldorf-Förderschule gehört. Du hast außerdem ein eigenes Atelier. Warum bist du Maltherapeutin geworden?

E: Ich habe lange Zeit an einer Kunstschule gearbeitet und irgendwann bemerkt, dass für mich die Kunst Therapie ist. Beuys sagt das übrigens auch: Kunst ist Therapie!

Wenn ich male, komme ich an meine Quellen, an meine Grenzen und ich kann mich ständig korrigieren und neu hervorbringen, kann realisieren. Das wollte ich einfach den anderen Menschen auch zur Verfügung stellen, weil es mich begeistert, mit anderen Menschen die Quellen aufzusuchen und Kreativität – die eigene Kreativität! –  zu finden und auszuschöpfen. Was Kunst und Therapie verbindet und was mich mit Kunst und Therapie verbindet, dafür stelle ich,  wenn ich therapeutisch arbeite, meinen Raum, meinen Blick und ja, meine beste Seite zur Verfügung dem Menschen, mit dem ich arbeite.

I: Worin erkennt man die spezifische Wirkung der Farben in der Maltherapie?

E: Erstmal ist es ja so, dass ich denke, dass jeder Mensch seine eigenen Farben hat und die am liebsten anwendet. Und wenn jemand ganz unbefangen malt, dann kann ich meistens gleich zu Anfang erkennen, in welchem Farbenbereich er sich aufhält und wie er mit der Farbe umgeht – also was seine Grundtendenz ist, mit der Farbe umzugehen. Ob er die Farbe mischt oder er sie ganz pur nimmt, ob er schon Erfahrungen hat mit der Farbe oder nicht, welche Farbnuancen, welchen Bereich – die eher kalten oder warmen Farben – er wählt oder welche Qualität die Farbigkeit hat, die er benutzt.

All das und vieles mehr versuche ich „herauszulesen“. Ein jeder Mensch ist in seinem seelischen Sein so bestimmt, dass er bestimmten Farben nimmt. Und dann kann ich weiter darauf schauen, in welche Richtung ich gehe, welche Farben ich einsetzen könnte im Rahmen der Maltherapie. Denn eigentlich setze nicht ich die Farben ein, wir suchen gemeinsam den Weg mit den Farben und natürlich haben die roten, warmen Farben eine wärmende und andere aktive Wirkung, als die kalten Farben, die dunklen, die Schattenfarben. Das ist halt sehr spezifisch.

Und woher erkennt man die spezifische Wirkung der Farben? Das spüre ich zunächst an mir selber erst einmal und dann sehe ich, welche Farbe welche Gefühle oder welche Eindrücke hervorruft. Man kann aber das nicht pauschalisieren, derart, dass man sagt: Gelb wirkt immer so oder Grün wirkt immer so, es gibt Tendenzen, die auch mit der Tagesstimmung zusammenhängen und individuell sind und da muss man jedes Mal schauen.

I: Wenn man in diesem Zusammenhang fragen würde, wie wirkt die blaue oder rote Farbe, kannst du als Maltherapeutin bei den Schülern diese Wirkung unterscheiden?

E: Man kann schon sehen, dass das Blaue sich eher zurücknimmt und dämpft und das Rote anregt. Das kann man schon tendenziell sehen, aber um das ganz genau zu bestimmen, müsste man das vermutlich jeden Tag machen mit dem Kind und dann schauen, wie sich das nach einigen Wochen genau zeigt. Aber ich habe die Kinder nur ein- oder zweimal in der Woche und ich gebe zu, ich habe noch nie so speziell nur mit Rot oder nur mit Blau gearbeitet.

Natürlich gibt es da Übungen, um das Schreiben zu üben – beispielsweise die Farbperspektive wahrzunehmen, wirkt positiv auf die Fähigkeit schreiben zu lernen und wenn man mit dem Kind längere Zeit blau malt, dann taucht es in das Perspektivische, in diesen perspektivischen blauen Raum ein. Und beim Rot merkt das Kind eben, dass die Farbe entgegenkommt. Diese Perspektive der Farbe wirkt sehr stark. Aber wie gesagt, ich habe das noch nie längere Zeit so speziell geübt.

I: Werden in der Maltherapie neben den Farben auch andere, vielleicht besondere Materialien verwendet?

E: Ja, es gibt selbstverständlich ganz viele verschiedene Farbmaterialien, die Aquarellfarbe, dann Acrylfarbe auf Leinwand. Jedes Mal ist das ein ganz anderer Prozess, oder zum Zeichnen Kohle, Kreide, Grafitstifte … also da gibt`s  ganz viele Stoffe aus der Natur, Eitempera, Rötel, Pigmente oder auch Pflanzen. Wir stellen auch manchmal selber Farben her aus Pflanzen oder aus Beeren. Ergänzend zum Malen plastiziere ich auch in der Therapie, biete kneten mit Ton an oder wir machen Papiercollagen – auch wenn das jetzt nicht unbedingt Malen ist.

I: Was musst du als Maltherapeutin von Kindern oder Jugendlichen, mit denen du arbeitest, wissen?

E: Ich fange meistens an, ohne vom Kind viel zu wissen. Und das ist das Beste für mich. Gar nicht viel wissen, um mich einzulassen auf das, was ich bei dem Kind erlebe und dann langsam eine Beziehung aufbauen. Ich beobachte das Kind, wie es geht, wie es spricht, ob es nach innen gekehrt ist oder nach außen und gewinne durch meine Eindrücke ein Bild.

Das Wesentliche bei dieser Frage ist, wie ich selber einen inneren Zustand erreiche, um das wirklich so aufzunehmen, was das Individuelle oder das Wesentliche ist für dieses Kind, warum es jetzt zum Malen kommt.

Dafür übe ich mich ständig in einer Grundhaltung, die sich gut veranschaulichen lässt durch ein Zitat  von Kierkegaard aus dem Jahr 1859. (E nimmt ein Buch zur Hand und liest daraus vor): „Wenn wir beabsichtigen, einen Menschen zu einer bestimmten Stelle hinzuführen, müssen wir uns zunächst bemühen, ihn dort anzutreffen, wo er sich befindet und dort anfangen. Jeder, der dies nicht kann, unterliegt einer Selbsttäuschung, wenn er meint, anderen helfen zu können. [. . .] Der Helfer muss zuerst knien vor dem, dem er helfen möchte. Er muss begreifen, dass zu helfen nicht zu herrschen ist, sondern zu dienen, dass Helfen nicht eine Macht ist sondern eine Geduldausübung, dass die Absicht zu helfen einem Willen gleichkommt, bis auf weiteres zu akzeptieren, im Unrecht zu bleiben und nicht zu begreifen, was der andere verstanden hat.“

Nachdem ich mir von meinem Schüler ein erstes Bild verschafft habe, führe ich auch ein Gespräch mit dem Arzt, der mir Hinweise gibt und mit mir zusammen ein Therapieziel formuliert.  Zu ihm kann ich auch jeder Zeit gehen und Fragen über die Krankheit oder das Behinderungsbild stellen. Beides sind grundlegend für meine Arbeit, zusätzlich hole ich mir aber auch Informationen bei den Lehrern, wie das Kind im Unterricht ist.

I: In welchen Zusammenhängen – von Verhaltensauffälligkeiten, Symptomen, Krankheitsbildern – wird die Maltherapie verwendet?

E: Die Maltherapie ist sehr stark zuerst einmal im Seelischen wirksam, so mein Eindruck. Sie bewirkt, dass die Seele herangerufen wird, um sich auszudrücken in der Farbe. Die Maltherapie wirkt in der Eigengestaltung anregend auf die Kinder und alle Altersstufen, sodass es wirklich ein mehr seelischer Ausdruck ist, ein seelisches Sich-Mitteilen in der Welt.

In der Schule werden ja verschiedene Therapien angeboten, auch Heileurythmie, Sprachtherapie und oft ist es so, dass diese im Wechsel auch mit der Krankengymnastik oder therapeutischen Bädern so wirksam sind, dass der Mensch oder das Kind sich erst einmal in seiner Leiblichkeit stärker verankern kann.  Wenn das Kind eben diese anderen Therapien hat, dann es ist sinnvoll, später mit der Maltherapie einzusteigen, sie nicht direkt im Anschluss an die die Leiblichkeit stärkenden anzuschließen. Aber auch das  ist individuell verschieden und wir sprechen es im Therapiekreis immer wieder neu ab.

I: Wieweit beeinflussen die einzelnen Krankheitsbilder die Maltherapie?

E: Ich kann schon sehr stark spüren, wenn ein hysterisches Kind zu mir kommt, dass es ganz stark sich ausdrückt auch in der Art der Pinselführung und in der Art der Farbwahl. Es hat Einfluss auf die Art, wie ich selber als Therapeut daneben sitzen muss, dass ich ständig innerlich ganz gehalten sein muss bei dem Kind, und dieses Innere, diese Grenze schaffen und geben kann.

Während, wenn jemand mit epileptischem Krankheitsbild kommt, muss ich ihn sehr stark immer wieder in Bewegung bringen, muss ich oft die Hände führen und dieses Zentrierte, Punktzentrierte lockern und in eine sanfte Bewegung überführen, und ebenso bei Autisten. Da sind immer bestimmte Form- und Farbtendenzen und sie sind sehr, sehr künstlerisch, auch die autistischen Menschen, so, dass auch ich jedes Mal von ihnen lernen kann!

I: Wie lange dauert eine Therapieeinheit?

E: Meistens eine ¾ Stunde, es kann aber auch sein bei Kindern oder kleinen Kindern, die sich kaum konzentrieren können, dass eine ½ Stunde genügt. Bei Erwachsenen male ich meistens 1 Stunde, sodass sie sich wirklich im Bild vertiefen können.

I: Hat die Maltherapie eine allgemeine Struktur?

E: Ja. Ich hole die Kinder oder Jugendlichen oder Erwachsenen ab, dann gehen wir den Weg zu meinem Malraum gemeinsam, ich lade sie zu ein, sich zu setzen und bereite dann die Malbretter vor. Ich erzähle ein bisschen, während wir gemeinsam den Platz vorbereiten, und dann fangen wir an zu malen.

Es ist meistens so, dass ein Bildaufbau ca. ½ Stunde dauert. Ich male vor. Deswegen sitze ich bei den schwächeren Kindern und Jugendlichen neben ihnen und male Schritt für Schritt das Bild vor. Sie ahmen oder malen das nach oder ergänzen es durch eigene Ideen, da bin ich ganz flexibel im Austausch. Ich achte darauf was sie brauchen, versuche zu spüren, wann dann das Ganze abgerundet, zum Ende hingeführt werden kann. Dann wird das Brett in den Schrank geschoben, der Platz wird aufgeräumt und wir gehen zurück in die Schule oder in die Werkstatt.

I: Gibt es Therapieeinheiten, in denen der Lehrstoff, mit dem die Schüler sich beschäftigen, aufgegriffen wird?

E: Das kommt selten vor. Es ist meistens so, dass einzelne Schüler besondere Vorliebe haben, zum Beispiel sich mit Tieren zu beschäftigen. Wenn es dann gerade in der Schule drankommt, greife ich das auf, aber es  ist eher zufällig. Natürlich versuche ich immer ganz individuell auf die Wünsche der Schüler einzugehen. Aber dass der Lehrstoff damit zu tun hat, ist selten. Das rührt eher im Hintergrund.  Was in der Maltherapie thematisiert wird, ist eher abhängig von den Altersstufen und was im bestimmten Alter sinnvoll zu tun ist, zeichnerisch oder mit Blick auf die Techniken, die man nutzen kann. Aber inhaltlich mit dem Lehrstoff hat es normalerweise wenig zu tun.

I: Wenn du epochenweise oder fachstundenmäßig vor einer Klasse stehst, heißt das für dich: Unterrichten ist therapieren oder steht das Künstlerische im Vordergrund?

E: Wenn ich vor einer ganzen Klasse stehe, ist es halt so, dass ich nicht auf jedes Kind so individuell einwirken kann oder mit ihm so arbeiten kann, wie ich das tue, wenn ich eine Einzelstunde habe. Ich versuche, die Gesamtklasse im Blick zu haben und das Pädagogische mehr in den Vordergrund zu stellen. Wobei ich versuche, es immer zu durchdringen mit meiner künstlerischen Haltung meiner Art zu malen.  Ich hoffe, dass  es auch spürbar ist, dass Kinder und Jugendlichen es mitbekommen, dass ich selber in einem Strom, in einem künstlerischen Strom, stehe. Pädagogik und Malen fließen zusammen und manchmal es ist je nach der Klasse stärker pädagogisch strukturiert oder mehr künstlerisch.

Aber wenn es gut ist, ist es auch therapeutisch!

I: Vielen Dank für das Gespräch!