Heraklit von Ephesos – ein schulisches Bild

Über dem Wandbild „Die Schule von Athen“ (in der Stanza della Segnatura des Vatikans)   malte Raffael ein Medaillon an die Decke, dessen Überschrift „Die Philosophie“ ist. Es ist eine Motivdarstellung des sich darunter befindlichen Gemäldes.

Auf dem Medaillon ist eine auf einem Thron sitzende Frauengestalt dargestellt. Sie ist ein Ideenbild all dessen, was in den Schulen der Philosophie als Tätigkeiten menschlichen Geistes ausgearbeitet wird.

In der altgriechischen Tradition stehen die Artemis-Mysterien von Ephesos mit der Ausbildung des philosophischen Denkens im Zusammenhang.  Die Göttin Artemis ist ein Bild der Natur. Sie trägt und belebt die Welt der Pflanzen und Tiere.

Die Armlehnen des Throns in der Darstellung des Medaillons sind gebildet von zwei stilisierten Artemis-Figuren. Diese sind vielbrüstig und tragen figurenreiche Kronen. Die sitzende Frauengestalt hält zwei Bücher. Das auf ihrem linken Knie liegende Buch trägt die Überschrift: „Naturalis“, auf ihm steht das zweite Buch. Es hat den Titel: „Moralia“.

Auf Tafeln, die zwei Putten halten, steht geschrieben: „Causarum cognitio“ (Der Ursachen Erkenntnis). Dieses war das Ziel und die Aufgabe der altgriechischen Mysterienstätte von Ephesos.

Die Einweihungsstätte von Ephesos

In Ephesos stand der Mensch im Mittelpunkt der priesterlichen Erkenntnis. Der Neophyt, der Einzuweihende, wurde auf dem Einweihungsweg so geführt, dass er sich über das Erleben der eigenen Sprache den Geheimnissen des Weltalls näherte. Durch das Üben der eigenen Sprache wurde in ihm das Gefühl dafür geweckt, dass das in der Natur webende Leben auch in ihm selbst webt. In wiederholendem Üben erlebte er, wie er selbst in einem Gleichklang mit der ganzen Welt zusammenhing. Der Neophyt lernte sich als Abbild des Kosmos kennen.

Mit dem von Menschen ausgesprochenen Wort wurde vermittelt, was eigentlich die menschliche Sprache ist, und zugleich wurde das erklingende Wort als Nachklang eines Vorgangs erlebt, der einst Welten erschaffend war.

Heraklit (5oo v. Chr.)

Heraklit war in Ephesos eingeweiht und seine Philosophie konnte nur im Zusammenhang mit den Logos-Mysterien dieses heiligen Ortes entstehen und verstanden werden.

Er gehört zu den Urgestalten der griechischen Philosophie. Er wurde der Dunkle, der Einsame genannt, weil seine Gedanken schwer zugänglich waren. Selbst Sokrates war nicht mehr in der Lage, ihn zu verstehen. Er steht auf dem Bild von Raffael mit dem Rücken zu Heraklit.

Und Aristoteles berichtet in seinem Werk Rhetorik, er habe gesagt: „Was ich an Heraklit verstehe, ist bestens; und was ich nicht verstehe, ahne ich, man braucht ja einen Taucher aus Delos dazu“ (Kelber S. 19).

Raffael verortet Heraklit auf der oberen Ebene des Bildes „Schule von Athen“. Dort steht der Philosoph auf der rechten Seite zwischen Sokrates und Alexander der Große. Sein Gewand ist violett und hat einen goldenen Saum, der auf seine vornehme Herkunft hindeutet. Heraklit ist als alter und bärtiger Mann, den Blick nach unten und mit fast geschlossenen Augen dargestellt. Raffael hat ihn in dieser Haltung so gemalt, dass er nach innen, ins Dunkle schaut.

Das Lebenswerk von Heraklit trug den Titel  „Über die Natur“. Er legte seine Schrift  zu Füßen der Artemis-Skulptur im Haus des Logos nieder. Nach Kelber die Niederlegung seines Werkes bedeutet, dass „es eine Art heiliger Schrift sein sollte; dass der Beginn des philosophischen Denkens noch im Schutze der Logos – Göttin geborgen bleiben sollte.“ (Kelber S. 20).

Das Erleben des Logos in Mysterien und das menschliche Denken des Logos waren noch eng miteinander verbunden.

Logos bei Heraklit

Von Heraklit sind 130 Fragmente erhalten und fast alle stehen in Beziehung zum Grundgedanken des Logos. Das altgriechische Wort Logos, dessen heutige Bedeutungen sinnvolles Wort, Vernunft, Erklärung, Lehre, Berechnung sind, wird in Heraklit-Sätzen nicht übersetzt.

Friedrich Hiebel stellt die Frage, was bei Heraklit der Ausdruck Logos bedeutet und interpretiert für sich: „Logos ist das Wort als hörbare, sprechbare, schreibbare und denkbare Ureinheit. Als solche aber kann es weit über die Grenzen des Hör-, Sprech- und Schreibbaren hinaus begriffen werden“ (Hiebel S. 103).

Am Anfang der Schrift von Heraklit stehen dazu folgende Gedanken: „Zu diesem Logos, der ewig ist, finden die Menschen keine Beziehung, weder bevor, noch nachdem sie von ihm hörten. Da doch alles gemäß diesem Logos entstanden ist, . . .“ (1)

Der Ewigkeitscharakter des Logos  ist der Ausgangspunkt. Er liegt der Schöpfung zugrunde, und er wirkt in der Schöpfung, in der erschaffenen Welt. Der Logos ist ein umfassender Begriff, den Heraklit in seinem kosmischen Aspekt als Weltenfeuer benennt:  „Diese Weltordnung, dieselbe für alle (und alles), machte weder einer der Götter, noch der Mensch, sondern sie war immer und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, erglimmend nach Maßen und erlöschend nach Maßen …“ (30)

Willentliche Vereinigung mit dem Logos

Heraklit berichtet in seinen Fragmenten von keinen anderen Werken, und er anerkannte niemanden als seinen Lehrer. „Ich durchforsche mich selbst …“ (101) Damit ist die Quelle seines Wissens benannt und zugleich eröffnete er ein neues Gebiet, die menschliche Seele. Sie ist abgrundtief und so weiträumig, dass niemand ihre Grenzen kennt. „Der Seele Grenzen kannst du schreitend nicht ausfindig machen, auch wenn du jeden Weg dahinzögest, so tiefen Logos hat sie…“ (45)

Der Mensch ist nach seinem Wesen an demselben Logos beteiligt, der im Entstehen der Welt mitgewirkt hat. Die Seele ist ein Teil des Allfeuers, sie ist das feinste göttliche Feuer. Je trockener die Seele eines Menschen ist, umso reiner und edler ist der Mensch. Wenn den Menschen von Logos erzählt wird, spricht man etwas in ihnen an. Wenn die Menschen den Logos nicht hören und aufnehmen können, so bleiben sie hinter sich selbst zurück. Dies ist dann ihr Versagen.

„Der Seele ist der Logos eigen, der aus sich selbst wächst …“ (115) Die Entfaltung des Logos in der Seele des Menschen führt zur Weisheit des Ariosts, des Adligen, des Besten. Heraklit nannte Bias, einen von sieben griechischen Weisen, als den, „[. . .] dem mehr Logos innewohnte als den anderen.“ (39) Die Mehrheit der Menschen lebt, so sagt er weiter, „doch als hätte jeder seine eigene Vernunft.“ (2)

„Von dem Logos, dem Lenker des Alls, mit dem die Menschen am engsten und ständig vereint sind, sondern sie sich ab, und fremd erscheinen ihnen die Dinge, auf die sie jeden Tag stoßen.“ (72)

Der Logos als allgemeines Prinzip und Grund der Seele kann nicht wachsen und wirksam sein ohne, dass der Mensch sich für die willentliche Vereinigung mit dem Logos entschieden hat. Erfolgt diese Vereinigung nicht, bleibt der Mensch weltfremd. Sein Verstand emanzipiert sich von dem gemeinsamen Logos-Grund. Er verliert den Schlüssel zum Verständnis der Welt und sich selbst. Der Logos, der Geist der Welt, lässt sich im Innern des Menschen erkennen und begreifen. Das Identische berührt sich. „Der Seele Grenzen wirst du nicht ausfindig machen, und wenn du alle Straßen durchwandertest. Einen so tiefen Logos hat sie …“ (45)

Die menschliche Seele erhält neben der Tiefe auch den Keim des künftigen Werdens, der Bewegung.  In der Bewegung des Werdens, im Prozess, zeigt sich das Wesen der Welt.

Rhythmus – Dynamik des Seins und Werdens

Die Dynamik des Seins und Werdens als Grundprinzip der Lehre von Heraklit wurde mit dem Wort Rhythmus bezeichnet. Es bedeutet eigentlich Fluss. Alles ist im Fluss – Panta Rhei – durch Verschiedenheit und Einheit, Veränderung und Bleibendes. Das Werden und Vergehen aller Dinge ist einem Gesetz der Gegensätze, dem Krieg unterworfen: „Der Krieg ist aller Vater, aller König und die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien.“ (53)

Die Lebenspolaritäten sind einander gegenübergestellt und sie gehen ineinander über. „Alles ist im Fluss.“ Heraklit erklärt zudem die Widersprüche für auch identisch und dadurch entsteht ein neuer Widerspruch. „Dasselbe ist Leben und Tod, Wachen und Schlafen, Jung und Alt, dieses sich ändernd ist jenes, jenes wieder dieses …  (88)  Gott: Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Sattheit Hunger; er wandelt sich . . . (67) Gut und Übel.“(58)

Aus den drei Prinzipien Feuer, Bewegung und Krieg entsteht eine neue und höhere Harmonie. Zu dieser lesen wir bei Heraklit: „Unsichtbare Harmonie stärker als sichtbare. (54)  Das Wesen liebt es, sich zu verbergen.“ (123)

Nur auf dem Weg der begrifflichen Sprache werden die Gegensätze aufgehoben und das Wesen der Welt erfasst, denn „… das Weise ist eines im allem.“ (50)

Literatur

Falck – Ytter H.: Raphaels Christologie. Stuttgart 1983

Hiebel F.: Die Botschaft von Hellas. Stuttgart 1983

Kelber W.: Die Logoslehre. Frankfurt am Main 1986

Kranz W.: Die Griechische Philosophie Basel 1986

Militz W.: Griechische Einweihungsstätten. Stuttgart 1964