Heraklit – Bild von Friedrich Nietzsche

Nietzsche als Prosakünstler, Meister des Aphorismus und Philologe, schreibt im Jahr 1878 sein Werk „Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“. Einen Teil dieser Schrift widmet er dem Philosophen Heraklit und gibt eine bewegende und inspirierende Darstellung von dessen Philosophie, zu der Nietzsche sich bekennt.

Was für ein Mensch sollte derjenige sein, für den sich Nietzsche öffnete?

Im achten Kapitel schreibt Nietzsche: „Heraklit war stolz und, wenn es bei einem Philosophen zum Stolz kommt, dann gibt es einen großen Stolz. [ . . .] Einsam die Straße zu ziehen gehört zum Wesen des Philosophen“ (S. 7).

Die Welt braucht ewig Heraklit

Was schaute sich Heraklit draußen gerne an? Wie die Kinder spielen! Was er dabei dachte, war nicht anders, als das Spiel „des Weltenkindes Zeus“. Heraklit nahm ästhetisch das Spiel der Welt wahr. Darin erlebte er ein großes Wohlgefallen, was nur der Künstler im Entstehen seines Werkes empfinden kann.

Heraklit suchte nie das Publikum und er verachtete die Massen. Diese Haltung war auch  Nietzsche nicht fremd. Mit poetischen Worten beschreibt er sie als:  „Die Mauer seiner Selbstgenügsamkeit muss von Diamanten sein“ (S. 7).

Das Wort Diamant ist griechischer Herkunft und es bedeutet unbezwingbar. Ein Diamant ist der härteste, natürliche Stoff und er verfügt über die höchste Wärmeleitungsfähigkeit.

Und weiter fährt Nietzsche in seiner Beschreibung fort: „Das Gefühl der Einsamkeit durchdrang den Heraklit“ (S. 7).  Dieses kannte Nietzsche sehr wohl auch. „Er ist ein Gestirn ohne Atmosphäre“ (S. 7).

Wird Nietzsche auch die Spuren der Wärme und der Leichtigkeit bei Heraklit entdecken können? „Sein Auge, lodernd nach innen gerichtet, blickt erstorben und eisig wie zum Scheine nur nach außen“ (S. 7).

So erscheint der Philosoph von Ephesos auch auf dem Bild von Raffael.

Heraklits Aussage „Mich selbst suche und erforsche ich …“ (101) bedeutete für Nietzsche, dass Heraklit „der wahre Erfüller und Vollender“ der Inschrift des Tempels zu Delphi war, die da lautet: „Erkenne dich selbst“.

Was die Welt und die Zukunft der Welt betrifft, stellt Nietzsche fest: „Die Welt braucht die Wahrheit, also braucht sie ewig Heraklit“ (S. 6).

Der Philosoph muss neugierig und aufmerksam sein

Als Ausgangspunkt der Darstellung der Philosophie von Heraklit nimmt Nietzsche seinen Satz: „Das Werden schaue ich an.“

Im Unterschied zu den Philosophen aus Milet, die die physische und die metaphysische Welt trennten, betont Nietzsche: „Er leugnet überhaupt das Sein“ (S. 6)! Die Wirkung des Gedankens über das ewige Werden vergleicht Nietzsche mit der Empfindung „ … wenn jemand bei einem Erdbeben das Zutrauen zu der festgegründeten Erde verliert“ (S. 6).   Diese furchtbare Vorstellung und Empfindung umwandelte Heraklit in das Erhabene und das Erstaunen.

Das Erhabene als ästhetische Kategorie bedeutet etwas Überwältigendes, das nur mit außergewöhnlichem Gespür erlebbar ist, und auch verbunden mit dem Gefühl von Unerreichbarkeit und Unermesslichkeit. Das Erhabene löst das Erstaunen aus. Bevor der Philosoph etwas hinterfragt oder erforscht, muss er neugierig und aufmerksam, d. h. erstaunt sein. Die Haltung und das Grundgefühl des Staunens stellten nicht nur den Ur-Impuls der Suche nach Wahrheit dar, sondern in ihnen zeigte sich der Anfang der altgriechischen Philosophie in Milet und in Ephesos.

Heraklit beobachtet das Werden und Vergehen unter der Form der Polarität. Nietzsche sieht die Polarität in Rahmen einer Dynamik, als Auseinandertreten einer Kraft in zwei zur Wiedervereinigung strebenden Tendenzen. In diesen Bewegungsvorgängen entsteht eine Qualität, die in Gegensätze trennt,  die sich wieder zueinander bewegen. Er formuliert es so: „Das Volk meint zwar etwas Starres, Fertiges, Beharrendes zu erkennen; in Wahrheit ist in jedem Augenblick Licht und Dunkel, Bitter und Süß beieinander und auseinander gehaftet wie zwei Ringende, von denen bald der eine, bald der andere die Obermacht bekommt. Der Honig ist nach Heraklit zugleich bitter und süß und die Welt selbst ist ein Mischkrug, der beständig umgerührt werden muss“ (S. 6).

Aus dem Ringen der entgegengesetzten Polaritäten entsteht das Werden. Die konkreten Qualitäten, die sich zeigen stellen nur vorübergehend die Übermacht eines der Ringenden dar. Nun, das Ringen dauert in die Ewigkeit!

Heraklit benannte das Ringen noch als Kampf und Streit, die für ihn nicht anders sind, als „an Gesetze gebundene ewige Gerechtigkeit.“ Die Idee des Kampfes als Weltprinzip ist für Nietzsche erkennbar in allen Lebensbereichen, ebenso in einzelnen Griechen, in künstlerischen Wettkämpfen, in Gymnasien (Turnplätze) und Palästren (Übungsplätze des Ringens), im Streit der politischen Parteien und Städten. „Das muss man wissen: Der Krieg ist allem gemeinsam und Recht ist Streit und was immer geschieht, es geschieht im Streit und nach seinem Brauch.“ (80)

Die Imagination von Heraklit

Im 6. Kapitel seiner Schrift betrachtet Nietzsche die Imagination von Heraklit. Auf diesem Erkenntnisweg sieht der Philosoph von Ephesos zahlreiche Polaritäten, „die vor dem Kampfrichter kämpfen und ringen“.  Er schaut sich dieses Kampfspiel von einer höheren Stufe der höheren Ahnung an. Hier werden die ringenden Paare und der Richter nicht mehr voneinander getrennt, was heißt: „Die Kämpfer selbst sich richten und die Richter selbst kämpfen, ja da er im Grunde nur die ewig waltende eine Gerechtigkeit wahrnahm“ (S. 6). Kurz: Streit des Vielen selbst ist die reine Gerechtigkeit! Das Eine ist das Viele!

Auch diese Gedanken unterscheiden Heraklit von anderen Philosophen, die vor ihm lebten. Nietzsche macht es dadurch verständlich, dass er klarstellt, die wahrnehmbaren Qualitäten sind weder ewige Wesen noch unsere Sinnestäuschungen. Wir müssen uns bemühen, Heraklit im Bereich des Kosmischen und des Mythischen vorzustellen, als er behauptet: „Die Welt ist das Spiel des Zeus oder des Feuers mit sich selbst.“ Nietzsches Ergänzung dazu lautet: „Eine ist nur in diesem Sinne zugleich des Vielen“ (S. 6).

Das Feuer ist eine weltbildende Kraft. Es wandelt sich zum Wasser und zur Erde und von der Erde wie Festes kehrt zum Feuer wie Warmes zurück. Dieser Prozess ist der periodisch wiederholende Weltuntergang und aus dem alles vernichteten Weltbrand geschieht das neue Weltentstehen.

Die Hybris

Wie bildet sich die Welt, die Vielheit?

„Sattheit den Frevel (die Hybris) gebiert.“ (S. 5) Ist der Weltprozess, die Vielheit das Resultat eines Frevels, einer Bestrafung der Hybris, der Überheblichkeit, der Frechheit?

Nietzsche erklärt die Hybris als Prüfstein für das Verstehen der Heraklitischen Philosophie. Er stellt die Frage: „Gibt es Ungerechtigkeit, Schuld und Leid in dieser Welt?“ Bejahend antwortet nach Heraklit nur derjenige, der nicht umfassend schaut.  Alles läuft in eine Harmonie zusammen. Es ist ein großes Spiel. So wie das Kind spielt, spielt das ewige Feuer. Es baut auf und zerstört „in Unschuld und dieses Spiel spielt der Äon mit sich“ (S. 5).

Darin erkennt Nietzsche in Heraklit den Menschen, der die Welt ästhetisch anschaut. Diese Art des Anschauens hatte auch er selbst. In ihr vereinigen sich im Entstehen des Kunstwerkes die Notwendigkeit und das Spiel, der Widerstreit und die Harmonie. Mit „alles überschauendem Künstlerauge“ und „mit Bewusstsein, in dem Logos“ leben zu wenige Menschen. Diesen Gedanken fügt Nietzsche Teile von Heraklits Fragmenten hinzu: „… das rührt daher, dass ihre Seelen nass sind und dass der Menschen Augen und Ohren, überhaupt ihr Intellekt ein schlechter Zeuge ist, wenn feuchter Schlamm ihre Seele einnimmt“ (18).

Literatur

www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche