Gadamers hermeneutisches Bild von Heraklit

Hans-Georg Gadamer hielt im Jahr 1988 in Neapel Vorlesungen über Heraklit in italienischer Sprache. Diese erschienen im Buch „Der Anfang des Wissens“ auf Deutsch. Gadamer stellt in seiner hermeneutischen Philosophie ein neues Bild von Heraklit dar.

Gadamer eröffnet seine Heraklit-Studien mit dem Satz: „Heraklit bleibt für jeden Denkenden eine beständige Herausforderung. [ . . .] Er ist der Dunkle geblieben“ (S. 34).

Einige Stilkritiker meinten, Heraklit sei ein Melancholiker gewesen. „Er habe seine Sätze nur halb gesagt“ (S. 51).  Für Gadamer sind es Sentenzen „im knappen Stil des Paradoxes.“ Das Wortspiel, in dem ein plötzlicher Wechsel von Bedeutungs- und Verstehungsrichtung geschieht, ist ein wichtiges Ausdrucks-Mittel bei Heraklit neben den paradoxen Sentenzen, Gleichnissen und Analogien. Ein Beispiel: „Der Bogen (bios) hat seinen Namen nach dem Leben (Bios). Seinem Tun nach aber ist er Tod.“ (48)

In den Worten, die gleichen Klang haben, findet Heraklit die Einheit der Gegensätze, durch die in der Form der Wortspiele die Wahrheit seiner Philosophie zum Ausdruck kommt.

Gadamer verbindet die Heraklit-Forschung  als hermeneutische Aufgabe mit der Frage: „Was wird uns durch die zitierenden Autoren an Vorverständnis suggeriert, und mit welchen Mitteln können wir zu einem historisch angemessenen und dennoch philosophisch aussagekräftigen Verständnis Heraklits und seiner Sätze gelangen“ (S.39)?

Beispielhaft als einer der oben erwähnten Autoren wird Platon, der nach Gadamer „unser ältestes Zeug“ ist, genannt. Nach ihm ist Heraklit der Denker, „der alles im Wandel, alles in Fluss sieht.“ Im Dialog Theaitetos nennt Platon alle Denker von Homer bis Pythagoras, außer Parmenides,  Herakliteer.  In diesem Werk wird Heraklit zu einem Philosophentypus. Nach Gadamer ist er eine Art Gegentypus.

Die andere historische Hauptquelle der Vorsokratiker ist Aristoteles. Bei ihm hat Heraklit keine gute Stellung. Er lässt sich nicht, wie alle anderen Vorsokratiker, mit seinem kosmischen Prinzip des Feuers in Bezug auf die Physik, auf die Verfassung der Natur einordnen. Die andere Schwierigkeit sind seine paradoxen Formulierungen. In diesen wird das aristotelische Grundprinzip aller Erkenntnis, der Satz des Widerspruchs, nicht akzeptiert.

Das Paradoxon

Das Paradoxon scheint die falsche Aussage, die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist: „Was sich widereinander spannt, klingt zusammen, aus dem Zwieträchtigen entsteht die schönste Harmonie. (8) Sie haben nicht begriffen, wie das Entzweite zusammengehört: widerstrebende Fügung, wie des Bogens und der Leier.“ (51)

Diese Sätze sind voller Gegensätze, Widersprüche, wie auch die eigentliche Weisheit von Heraklit. Gadamer geht in seiner Analyse der gegensätzlichen Gedanken von den Erscheinungen aus, die der griechische Philosoph vor Augen hat. Eine ist der Fluss, in dem alles im ständigen Wechsel ist, es aber immer derselbe Fluss ist. Die unendlichen Gegensätze, die durch Wechsel und Ruhelosigkeit entstehen, sind „das Eine, das sich in sich selbst auseinander stellt [und] fügt sich immer mit sich selbst zusammen“ (S. 70).  So zitiert Gadamer Platon und fügt dazu, in ihm erscheine mit großer Genauigkeit ein geheimnisvolles Problem, das hinter den Gegensätzen von Heraklit ist – sie sind übergangslos, „dasselbe sich ein anderes zeigt.“

In den Gegensätzen aller Dinge ist die Plötzlichkeit, der Wechsel und der Boden der Unzuverlässigkeit zu erkennen. Heraklit lehrt die Untrennbarkeit und die Einheit der Gegensätze. Die Menschen leben im Irrtum, weil sie das Gegensätzliche für getrenntes Seiendes halten, wie Tag und Nacht, Jugend und Alter, Wachen und Schlafen. Gadamer macht aufmerksam: „Heraklit denkt nicht nur das Nacheinander, sondern darüber hinaus das Ineinander von den Gegensätzen wie Viele und Eine, das auseinandertreten und mit sich selbst zusammenhalten, zusammenklingen und auseinanderklingen“ (S. 65).

Das Trennen ist nicht prozessual. Es entsteht plötzlich, unvermittelt und schlagartig, wobei das andere immer mit dabei ist. Die Gegensätze sind einander völlig ausschließende und lassen sich doch als ein und dasselbe erkennen.

„Der Gott ist Tag und Nacht; Winter, Sommer; Krieg, Frieden; Sattheit, Hunger; er wandelt sich wie die Flamme, die mit Rauchwerk vermischt, je nach dem Duft benannt wird.“  (67)

Gadamer schreibt zu dem Gegensatzpaar Sattheit und Hunger, dass jeder aus der eigenen Erfahrung kennt, folgendes: „Das Verlockende von Speise setzt Hunger bzw. Appetit voraus und schwindet mit überraschender Plötzlichkeit, wenn man satt ist“ (S. 65).

Mit Auseinandertreten in Gegensätze kommt das einheitliche Wesen der Dinge zum Ausdruck. Die Gegensätze sind für Heraklit ein Weg zur wahren Erkenntnis. Ihr gegenseitiges Verhältnis zueinander ist unterschiedlich. Durch Perspektivenwechsel wird das Gegensatzpaar jung / alt relativ.

Leben und Tod

Die Gegensätze Leben und Tod haben nach Gadamer eine besondere Stellung. Die Heraklit-Überlieferungen über Leben und Tod haben von griechischem Totenkult bis zum christlichen Glauben geprägt. Bei Heraklit „geht es um den Umschlag vom Tod zum Leben, der dem Umschlag vom Leben zum Tod zugeordnet wäre“ (S. 69).  Zu diesem Gedanken fügt Gadamer noch an, Heraklit begründe dieses Gegensatzpaar auf der Paradoxie des Umschlages und damit auf das Einssein des Seins. „Er sucht in allen Gegensätzlichen das Eine und er findet in dem Einem das Gegensätzliche [ . . .]. Selbst der Tod ist wie ein plötzlicher Umschlag in der Erscheinung des Seins“ (S. 72).

„Unsterblich – sterblich, sterblich – unsterblich leben die einen den Tod der anderen, sterben die einen das Leben der Anderen.“ (62)

„…die Götter > unseren Tod leben <, könnte das heißen, dass ihr Sein erst durch unseren Tod herauskommt.“ (S. 73)

Der Krieg

Gadamer analysiert im Weiteren die Fragmente, deren Thema der Krieg ist.

„Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen. Die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu freien“. (53) „Das muss man wissen: Der Krieg ist allen gemeinsam.“ (80)

Der Krieg ist die Grundlage der Gegensätze, aber auch er löst den Umschlag, den Aspekt des Wechsels der Dinge aus. Der Krieg, als Gemeinsames, ist der eigentliche Logos hinter den Gegensätzen, in denen sich alles erscheint.

Die Feuerlehre Heraklits

Gadamer sieht die Feuerlehre von Heraklit nicht in der kosmologischen Tradition der ersten griechischen Philosophen. Die Fragen der Weltordnung waren für Heraklit zweitrangig.

„Unsere Welt hier, die für alle die gleiche ist, schuf weder der Götter einer, noch der Menschen einer. Vielmehr war sie schon immer und ist und wird immer sein lebendiges Feuer nach Maßen aufbrennend, nach Maßen verlöschend.“ (30)

Die Welt gehört zu dem unruhigsten, ewig lebenden Element. Das plötzliche Geschehen des  Entzündens und Verlöschens des Feuers ist das Maß. Das Feuer ist kein sichtbares, sondern das beständig wandelnde und allen Wandlungen zugrunde liegende Element. „Seine Lebendigkeit ist gleichwohl Eins.“ (S. 81)

„Alles tauscht sich gegen das Feuer und das Feuer tauscht sich gegen alles, so wie die Waren für das Gold und Gold wieder für die Waren.“ (90)

Nach Gadamer lässt sich die Feuerlehre mit den Fragmenten über die Seele verbinden. Das Feuer ist eigentlich kein Element, sondern die Lebendigkeit, die sich in der Bewegung manifestiert. Die Helligkeit der Seele ist das Erwachen, Aufflammen (des Bewusstseins), das Zu – sich – Kommen. „Es ist der Weg zur Teilhabe am gemeinsamen Tag und der gemeinsamen Welt. Sie wird im Phronesis und im Logos erworben und wird freilich auch im Wahn verfehlt“ (S. 89).

„Für die Seele ist es Tod, zu Wasser zu werden (36) Trockene Seele  klügste und beste.“ (118)

Das Eine, das eins in allem ist

Gadamer zweifelt an mehreren Stellen seiner Heraklit-Studien daran, dass dieser Philosoph der ionischen Tradition angehörte und er in seinen Fragmenten den kosmologischen Fragen nachging. Nach einer Quelle der Stoiker aus den 1. Jh. v. Chr. ging es Heraklit nicht um die „Physis“ (Naturalis), sondern um die „Politeia“ (Moralis).

Gadamer ist mit dieser Interpretation einverstanden. Als Beweis dazu behauptet er, dass Heraklit zahlreiche Fragmente schrieb, in denen die politische Blindheit und den moralischen Leichtsinn seiner Mitbürger kritisierte. Seine Bemühungen um das praktische Leben beweist auch die Tatsache, dass er das Phronesis, den Terminus für die praktische Vernunft, benutzt.

Heraklit bestimmt schon am Anfang seiner Schrift „Über die Natur“, dass das Ziel dieses Werks den Menschen betrifft.

„Diese Lehre hier, ihren immer gültigen Grund zu verstehen, . . . Die Menschen im Ganzen sind eben unwissend über das, was sie im Wachen tun, genau wie sie nicht mehr wissen, was sie im Schlafe tun.“ (1)

Hinter dem alltäglichen Leben sucht Heraklit das Eine, das Weise, „das eins in allem ist“, heißt nach Gadamer nicht, dass er für die eingeweihten Menschen spräche. „Heraklit wegen seines mystischen Tones zum logischen Interpreten von Mysterien Weisheit zu machen, scheitert daran, dass Heraklit den Anspruch erhebt, das Eine zu denken, und damit Weisheit nicht Eingeweihten, sondern allen Menschen zumuten“ (S.77).

Literatur

Hans-Georg Gadamer: Der Anfang des Wissens. Stuttgart 1999