Frühkindlicher Autismus – heilpädagogisch-therapeutische Aufgaben

Beim frühkindlichen Autismus handelt es sich nach Müller-Wiedemann „um Störungen in den aller verschiedensten Dimensionen des Denkens, Fühlens, Sprechens und Handelns …“ (Müller-Wiedemann 2010, 33).

Auf dem Gebiet des Denkens wird beim autistischen Kind das Phänomen der kognitiven Ausfälle festgestellt. Das heißt, dass das Kind eine Handlung, ein Wort, zeitliche Zusammenhänge, Veränderungen oder Ereignisse nicht verstehen kann.

Das zweite Aufgabenfeld bilden „die menschlichen Beziehungen im eigentlichen Sinne“ (Müller-Wiedemann 2010, 34). Diese beinhalten nicht nur den kognitiven Bereich, sondern sie beziehen sich auch auf das Gefühlsleben, die Emotionalität bzw. Affektivität des Kindes.

Der dritte Aufgabenbereich betrifft die Willensbildung, das heißt die Vorstellungsbildung, die Motivation und Intention des Kindes. Hier liegt nach Müller-Wiedemann das wichtigste Ziel der Therapie. Wenn autistische Kinder eine Aufgabe bekommen, führen sie diese sehr schnell aus, als ob sie keine Zeit hätten. In ihre Handlungen werden andere Menschen nicht eingebunden und sie möchten ihre räumliche Umgebung unverändert beibehalten. Diese Veränderungsangst bezieht sich dabei nicht nur auf den Raum, sondern auch auf das Handeln, das Bewegen und auf das Sprechen.

An der Türschwelle stehen bleiben, hin und her schaukeln, stereotype Bewegungen zeigen, zurückgehen und „an der Säule“, die es nicht gibt, verharren … Paul zeigt dieses Verhalten fast jeden Morgen am Beginn des Schultages. „Wir sind der Auffassung, dass das autistische Kind, wenn es etwas tun soll […] zum Beispiel von einem Raum in den anderen über die Schwelle zu gehen, Angst hat, sich dabei zu verlieren.“ (Müller-Wiedemann 2010, 35).

Dem autistischen Kind Lernen ermöglichen

Die heilpädagogisch-therapeutischen Maßnahmen richten sich auf die Erfahrung der eigenen Leiblichkeit durch die Stärkung des Gleichgewichts-, Bewegungs-, Tast- und Lebenssinnes. Müller-Wiedemann empfiehlt, Figuren oder Buchstaben ohne Hinschauen im Sand tastend zu erkennen oder Bewegungs- und Spielübungen,  auch mit Füßen zu schreiben oder barfuß zu laufen.

Müller-Wiedemann behauptet in Bezug auf den Unterricht, dass er in Perioden gestalten werden sollte. Der Epochenwechsel, der nach 3-4 Wochen stattfindet, kann die Zwänge bei  autistischen Schülern vermeiden. Bei der Wiederholung sind die gut strukturierten Aufgaben sehr wichtig, weil sie die Verarbeitung des Stoffes ermöglichen.

Müller-Wiedemann spricht von noch einem wichtigen Aspekt, der im Unterricht berücksichtigt werden sollte. Dieser betrifft das Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis. „Es gehört zu den großen Gefahren für das autistische Kind, wenn man ihm schulisch bestimmte Leistungen an-dressiert, die es dann stereotyp wiedergibt“ (Müller-Wiedemann 2010, 39).  Die wesentliche Aufgabe des Lehrers und des Schulbegleiters ist, diesen Dressurprozess zu vermeiden und das Langzeitgedächtnis, das individuell-biografisch ist, zu fördern. Auch die Lernschritte des autistischen Kindes sind individuell. So kann es beispielsweise vorkommen, dass das Sprechen durch das Lesen verstärkt wird. Daraus ergibt sich, dass heilpädagogisches Handeln Geduld, therapeutische Fantasie und heilpädagogische Bewusstheit voraussetzt.

Verarbeitungsstörung von Wahrnehmungen

Müller-Wiedemann betrachtet die autistischen Äußerungen vom Aspekt der Verarbeitungsstörung von Wahrnehmungen, das heißt die Störungen „der Koordination oder der Beziehung von verschiedenen Wahrnehmungsfeldern zueinander“ (Müller-Wiedemann 2010, 45).

Es geht dabei um die Fähigkeit, die Wahrnehmungen in Beziehungen zueinander zu setzen und zu verarbeiten. Diese Fähigkeit wird während der Kindheit durch Zusammenwirken von Willenstätigkeiten, Erfahrungen, Fühlen und Denken erlernt. Diese Sinneserfahrungen sind aktive Prozesse, in denen die Sinnes- und Wahrnehmungsfelder durch das Ich miteinander in Beziehung gesetzt werden. Beim autistischen Kind ist dieser Lernprozess gestört und begrenzt.

Für die heilpädagogisch-therapeutischen Maßnahmen spielt das Feld des Sehens eine zentrale Rolle. Ihm werden noch das Riechen und das Schmecken zugeordnet.

Das zweite Sinnesfeld hängt mit dem Gleichgewichtssinn und dem Bewegungsbereich zusammen. „Der Mensch nimmt mit dem Bewegungssinn dasjenige war, was er durch seine Tätigkeit und mit seinem Handeln tut, zwar auf eine dumpfe, aber doch auch sehr wesentliche seelisch-innerliche Weise“ (Müller-Wiedemann 2010, 46).  Die verrichteten Handlungen werden mit dem Leib verbunden. Das Erlebnis des Verbindens kommt beim autistischen Kind nicht zustande. Es hat eine schwere Störung auf dem Gebiet „des Erlebnisses eigener Identität mit dem Leibessein“ (Müller-Wiedemann 2010, 46).

Auf dem dritten Sinnesfeld entstehen Wahrnehmungen von Menschen, ihrer Sprache, ihrer Gedanken, ihrer Verhaltensweisen. Autistische Kinder haben auf diesem Feld die Sprachwahrnehmungsstörung, die Sprachverständnisstörung, die Nachahmungsstörung und allgemein die Schwierigkeit, ihre soziale Umwelt wahrzunehmen.

Identitätserfahrung durch Sprache

Eine wichtige Frage, die auch die Schule betrifft, ist: „Wie kann ich es dem autistischen Kind möglich machen, […] dass es lernen kann, dasjenige, was ein anderer Mensch spricht […] beziehen zu lernen auf diesen anderen Menschen und dessen Intentionen“ (Müller-Wiedemann 2010, 47)?

Wahrnehmungsfähigkeiten für die Sprache und für die Gedanken eines anderen Menschen ermöglichen es uns, das eigene Ich gegenüber einem anderen Ich zu erfahren. Viele autistische Kinder erleben aber Sprache nicht wie eine Tätigkeit oder wie eine Äußerung des anderen Menschen, sondern wie einen Gegenstand. Das autistische Kind kann diese Identitätserfahrung daher nicht vollziehen. Seine Identität und Sicherheit versucht es zum Beispiel durch die Gleichhaltung der räumlichen Umgebung zu erreichen.

Eine wesentliche heilpädagogische Aufgabe besteht darin, diese Sinnesbereiche zu entwickeln und ihr Zusammenwirken zu fördern. Die zentrale heilpädagogische Rolle sieht Müller-Wiedemann dabei im Üben der Koordination der Sinnesfelder oder der Transformationsmöglichkeiten. Es ist ein langer und schwerer Weg, auf dem das Ichsagenkönnen langsam entsteht und hervorgerufen werden kann.

Die Transformation als innere Beweglichkeit zwischen zwei Sinnesbereichen beispielsweise Bewegung der Hand und Wahrnehmung mit Augen, also Augen-Hand-Koordination, ist beim autistischen Kind gestört. Dem Kind kann nur dann geholfen werden, wenn die Beziehung zwischen Bewegung und Augen neugestaltet wird. Gelingt dies nicht, bleiben das Nachfahren und das Üben des Schreibens nur Äußerlichkeit für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes.