Frühkindlicher Autismus – Fallbeispiel Paul

Paul (der Name ist ausgedacht) war vier Jahre alt, als bei ihm die Diagnose „tiefgreifende Entwicklungsstörung im Sinne eines frühkindlichen Autismus“ festgestellt wurde. Die Beschreibung seines Zustandes hob die Stereotypien, die zwanghafte Beschäftigung mit Gegenständen, das Aneinanderreihen der Gegenstände, die fehlende Blickaufnahme und die Imitation, sowie die Störung in den Bereichen sozialer Interaktion als charakteristisch hervor.

Paul wurde in einem Autismus-Therapiezentrum vorgestellt. Mit einer Assistenz besuchte er ein Jahr lang eine integrative Kindergartenstätte.

Aufgrund der Symptomatik einer umfassenden Entwicklungsverzögerung entschied man, dass Paul mit 6 Jahren in das Förderzentrum für die Bereiche Wahrnehmung und Entwicklung eingeschult wird. Er wurde zu Beginn des ersten Schuljahres der Gruppe „Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung“ zugeordnet.

Für alle Handlungen benötigte er eine ständige Begleitung und Führung. Seit seinem 12. Lebensjahr lebt er im Heim und besucht mittlerweile die 9. Klasse der heilpädagogischen Förderschule.

Pauls Äußerungs- und Erscheinungsweisen in einzelnen Lebensbereichen

Sprachlicher Bereich

Paul benutzt Sprache zunehmend, um sich mitzuteilen. Er erzählt auf Aufforderung manchmal, was er am Wochenende gemacht hat. Häufig spricht er leise und unverständlich vor sich hin oder wiederholt dabei die Kommentare der Erwachsenen zu seinem Verhalten. Paul setzt häufig eine Handlung ein, um sich mitzuteilen. Um unerwünschte Handlung durch Sprache ersetzen zu können, benötigt Paul viel Hilfe und Übung bei der Umsetzung. Er benutzt von sich aus kaum Verben, um auszudrücken, was er möchte. In der letzten Zeit gelang es ihm jedoch fast jedes Mal, den Rest des Schulbrots nicht wegzuwerfen, sondern den Satz „Ich bin fertig.“ zu sprechen.

Kognitiver Bereich

Paul zeigt seine Fähigkeiten im Bereich des Malens, Lesens und Rechnens im Mengenbereich bis 10. Mithilfe des Zeichnens, Bildern und Symbolen kann er sich gut am Tagesplan orientieren. Er ist in der Lage, Dinge aus seiner Umgebung bildlich darzustellen.

Soziales Verhalten

Paul scheint sich im sozialen Umfeld seiner Heimgruppe und seiner Klasse wohlzufühlen. Zu den Erwachsenen nimmt er inzwischen kurzen Blickkontakt auf. Seine sozialen Kontakte zu seinen Mitschülern, die er „Kinder“ nennt, sind sehr eingeschränkt. Probleme treten dann auf, wenn die Situation für Paul zu laut und ungeordnet wird, zum Beispiel beim gemeinsamen Singen oder in der Sportstunde. Dann kann er sehr heftig und aggressiv reagieren.

Motorischer Bereich

Paul ist sehr beweglich und geschickt. Er läuft sehr gerne und schnell. Paul malt, klebt, schneidet und schreibt nach Anweisungen. Er kann recht genau Bilder ausmalen und Zahlen und Buchstaben in einen begrenzten Raum (Kästchen, Linie) schreiben. Paul behält beim Schreiben den Kontakt mit der Hand zum Tisch.

Sozial-emotionaler Bereich

Paul zeigt oft Schwankungen in seiner emotionalen Befindlichkeit, aber er ist auch in der Lage, bestimmte Regeln sowie Vorgehensweisen bei Regelverstößen zu akzeptieren. So akzeptiert er die Handführung, wenn er etwas nicht richtig macht. Paul ist zunehmend in der Lage, seine Bedürfnisse kurzfristig aufzuschieben. Manchmal gelingt es ihm rückblickend, einen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der folgenden Konsequenz  herzustellen. Heftige Wutausbrüche treten bei ihm meist als Reaktion auf durchgeführte Sanktionen auf. Paul ist noch nicht in der Lage, sein Verhalten aufgrund der Verhaltensregeln zu kontrollieren. Er agiert und reagiert sehr oft impulsiv (Spucken, gezieltes Anspucken, Hauen, Werfen von Gegenständen, Zerstören von Arbeitsmaterial). Dieses Verhalten zeigt sich bei Frustration und in für ihn nicht durchschaubaren Situationen, teilweise aber auch ohne erkennbaren Grund.