Philosophieren als ein Weg zu deinem Wesen

Der Weg zu dir selbst ist wie eine Zwiebel zu schälen. Es geht darum, mit Geduld Schicht um Schicht zum Kern zu kommen.

Die Zwiebel ist die älteste Kulturpflanze der Welt. Sie reizt bei Schälen, riecht beißend, schmeckt scharf. Sie duftet, glüht und strahlt Kraft. Durch das Reizen unsere Sinnesorgane befinden wir uns in einer Übergangszone eines Weges, der in unser vielfältiges Innenleben führt.

Wanderschaft zur echten Selbsterkenntnis

Die Gestalt des Pilgers auf seiner Pilgerreise ist zugleich ein Sinnbild des menschlichen Lebensweges. Wenn wir den Menschen als homo viator definieren, bezieht sich dieses Bild auf die bestimmten Phasen und Inhalte des individuellen Lebensweges.

Ein Aspekt des biografischen Lebensweges ist der Weg zur Selbsterkenntnis, von der der nächste Weg zur Sinnfrage führt. Während dieser Pilgerfahrt kann der Mensch die Resonanz mit sich selbst wahrnehmen. Ein weiterer Weg ist der Weg der Werteorientierung. Auf diesem kann die Verbesserung der Beziehungsqualitäten innerhalb einer Gemeinschaft geschehen. Das Pilgern zwischen Sinn und Wert ermöglicht, dass der Mensch in Kontakt mit sich selbst und der Welt treten kann. Beziehungslosigkeit heißt Sinnlosigkeit.

Sinnsuche

Die Frage nach dem Sinn braucht Mangel, Umbruch. „Warum passiert das ausgerechnet mir? Wozu noch weiter?“, sind die beiden den Sinn betreffenden Fragen. Der sinnsuchende Mensch steht in der Gegenwart und sucht einen Weg, seinen Sinn-Weg. Die Sinnerfahrung beginnt mit dem Sinnen, mit der sinnhaften Wahrnehmung der Ergebnisse des Lebens.

Es gibt eine Vielfalt von Lebenszusammenhängen, Lebenssinnen und Lebenszielen. Das Wort Sinn lässt sich auf das indogermanische Wort sent zurückführen, das so viel wie Reisen und Fahren bedeutet, aber auch auf das althochdeutsche Wort sinnan, das Weg oder Richtung bedeutet.

Der Lebenssinn gibt dem Leben eines Menschen und seinem Verhältnis zum Glück und Unglück eine Richtung. Er eröffnet trotz der erlebten Schicksalsschläge die Möglichkeit, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Dieser Sinn hat verschiedene Erscheinungsformen. Er kann verloren gehen oder in die Frage gestellt werden – immer  beeinflusst  der Lebenssinn in verschiedenen Formen das Wohlbefinden des Menschen.

Die Philosophie bietet eine zusätzliche, andere Perspektive und ermöglicht eine weitere Richtung und Orientierung des mit Alltagssinn verbundenen Lebenssinnes zu geben.

Werteorientierung

Die Werte als Urphänomene haben eine lebens- und sinnstiftende Funktion. Wir richten unser Leben auf Ziele, die uns sinnvoll erscheinen. Der Wert ist allgemein eine akzeptierte und verinnerlichte Vorstellung von etwas, das gewünscht, erstrebt und anerkannt ist. Die sittlichen, religiösen und kulturellen Werte bieten eine Verhaltenssicherheit und sind Orientierungsmaßstäbe, um zwischen den Alternativen wählen zu können.

Erkenne dich selbst

Die erste Inschrift am Tempel zu Delphi „Erkenne dich selbst“ macht aufmerksam, dass eine angemessene Selbstführung eines menschlichen Lebens mit einer klaren Erkenntnis und Verständnis der eigenen Individualität möglich sein kann. Für die Menschen ohne Selbsterkenntnis gelten die Worte aus der Bibel: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!“ Sie lassen sich willenslos durch das Leben führen, oder sie lenken sich nur nach Sinneseindrücken und kommen nie zu einem angemessenen Ziel.

Willenskultivierung

Bei schnell voranstürmendem digital-technischen Fortschritt ist der Mensch innerlich angehalten. Es zeigt sich eine Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Lebensweg. Die Apathie stammt von einem ungenützten, inneren Kraft. Sie heißt Wille.

Dieser Wille kann nur durch Erkenntnis des Zieles in Bewegung gebracht werden. Erfassen des Zieles und Schaffen des Sinnes ist eine Aufforderung für unsere Aktivität und ist der höchste Grad unserer Selbstverwirklichung. Wir leben in der Zeit, in der wir ohne unsere Tätigkeit keine Hilfe und keinen Schutz bekommen können.

Der Wille entfaltet sich wie die Blüten aus Blättern, aus allen übrigen Kräften unserer Seele und er wirkt in allen Richtungen unserer Existenz. Wille kann gebildet werden. Die echte Bildung ist harmonische Entwicklung unserer seelisch-geistigen und körperlichen Kräfte. Jedem Menschen ist ein bestimmtes Maß, ein bestimmtes Verhältnis der Kräfte zu Verfügung. Dies bestimmt die Integrität des Individuums, sein inneres Wachstum und sein Menschsein.

Meine Philosophie

„Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt.“ (E. Hauschka)

Elektronische Medien beherrschen unseren Alltag. Es dominiert ein Verlust an sprachlicher Kultur. Es wird geschwiegen oder es werden funktionelle Anweisungen gegeben. Die Verarmung und der Verlust der Sprache sind mit Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit eng verbunden. Eine der Wurzeln der Pflege bestimmter philosophischen Themen, der Gedankenfülle und der Achtsamkeit ist die dichtungssprechende Kunst. Im künstlerischen Sprechen zeigt sich der Wille, der die Individualität des Sprechers formt und bildet das Gefühl der inneren Haltung und das Selbstgewissheitsgefühl.

„Die Sprache ist das Haus des Seins“, sagt Heidegger (dt. Philosoph gest. 1976).

Philosophie im Trend unseres technischen Zeitalters

Philosophieren heißt Antworten geben und diese begründen. Fragen und Antworten gehören zusammen. Philosophieren ist immer Dialog.

Im Wort Dialog als Gespräch erkennen wir die altgriechischen Wortbestandteile „dia“, d.h. auseinander, entzweien und „logos“. Die ursprüngliche Bedeutung dieses philosophischen Termins ist aussuchen, auswählen, lesen, durchlesen, einsammeln, zusammenlegen.

In einem Dialog, in einem Gespräch zwischen zwei Positionen oder Meinungen, die zwei oder mehrere Personen vertreten, entsteht das Dritte als eine Wandlung in der Haltung dem anderen gegenüber; ein Wechsel der Perspektive, eine neue Sinnverleihung, eine neue Bedeutung in einem zwischenmenschlichen Beziehungsverhältnis.

Das Gespräch setzt das Denken in Bewegung. Im Gespräch wird dem Menschen als Individuum, als besonderes Einzelwesen begegnet. Durch Mündlichkeit entsteht Beziehung bzw. Begegnung. Begegnung bedarf bestimmten Grundhaltungen wie klarer Präsenz im Augenblick, Geistesgegenwart und Aufrichtigkeit oder Authentizität als Wahrheitsaspekt.

Im philosophischen Dialog als Begegnung beginnt ein Prozess des Transzendierens, des Hineinblühens in eine höhere geistige Verfassung, um die Welt und sich selbst nicht mehr nur in schwarz-weiß, These-Antithese, ja-nein-Dichotomie sondern in Farben zu sehen.

Hinterfragen und Nachfragen führen zu Veränderungen, zum Anderswerden. Der Blickwechsel schafft neuen inneren Raum für neue Ideen, neue Gedanken.

Für Menschen, die sich bewegen und sich entfalten wollen – anhand von Sprachübungen, des Zeichnens und philosophischer Texte.
Philosophische Inhalte entdecken und gestalten auf dem Wanderweg – in der Stimmung des Schweigens, der Ruhe der Selbstbeobachtung und im gemeinsamen Dialog.
Schreibe deinen Philosophischen Brief – analog oder digital. Du und deine Gedanken stehen in einer Gegenseitigkeit.

Marta Korodi: Philosophieren mit Menschen heißt für mich…

…helfen, sich auf dem eigenen Weg des Denkens zu bewegen, ein neues Feld mit Begeisterung und Freude zu entdecken.

…die Haltung der Überraschung, Erfrischung, Öffnung für das Neue zu unterstützen.

…die Sprache als Medium der Philosophie zu erleben mit ihren gestaltenden Kräften: Lauten,  Wörter, Sätze durch Gefühle, Kenntnisse, Willensäußerungen zum Ausdruck gebracht.

…die innere seelische Beweglichkeit wird durch die Linienführung – meint: Formenzeichnen – verstärkt.

…Erweiterung der Kenntnisse durch themenzentrierte und interaktive Arbeit.

…gegenseitige Bereicherung

… die eigene schöpferische Kraft  persönlich erfahren

…dynamischer Denkprozess mit offenen Ergebnissen, indem wir das Denken flüssig und beweglich gestalten.

Was haben die Menschen, was hast du davon?

Die philosophischen Fragen und Themen haben einen universellen Charakter. Sie betreffen alle Menschen gleichermaßen. Philosophische Fragen sind nicht eindeutig beantwortbar. Jeder Mensch erreicht eine besondere Lebensqualität und Quellkräfte für seine Seele, wenn er auf seiner besonderen Art nach eigenen und eigenartigen Antworten sucht.

Auf dem Weg zu sein, das ist das Ziel.

(Lao Ce)

Die Pfeiler dieses Weges sind die interessenlose, persönliche Betroffenheit und die befreiende Freude.

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